Marillion - Misplaced Childhood


"So I talked about conscience and I talked about pain
And he looked out the window and it started to rain
I thought maybe I've already gone crazy.

So I reached for a bottle and he reached for the door
And I picked up the sleeping pills crushed on the floor
Inviting me to a casual obscenity."
(Blind Curve)

Trockenes Schlagzeug ... langsam und intensiv ... unterschwelliger Bass ... im Hintergrund bleibend, doch stets präsent ... sporadisch einsetzende Gitarre, leicht wimmernd ... dazu die Stimme von Fish, resigniert, nachdenklich, abwesend ...

"It would be incredible
If we could retrace all the times that we lived here,
All the collisions.
Wasted, I've never been so wasted.
I've never been this far out before ..."
(Blind Curve)

Eine Stimmung als würde man im Dunklen durch einen Gang gehen ... nicht wissend, wo der Ausgang ist ... suchend nach dem Licht ... irgendwie spürend, daß man nicht alleine ist, daß irgendwas da ist, oder irgendjemand, jemand den man kennt, nur zu gut ... man ist es selbst, besser ein Teil von einem ... die eigene Kindheit ... verloren, verlegt, zugeschüttet von dem, was man im Leben an Erfahrungen gesammelt hat ...

Die Stimme steigt an, wird laut, fast schreiend, das Schlagzeug wie ein beidhändiges Schlagen auf eine Tür, eine Bitte, rausgelassen zu werden ... irgendwas geht auf, bricht auf, mündet in einer Flut aus Bildern, die dunkle, tragische Seite des Alltags, Nährboden der Resignation, Endpunkt des Absturzes, Point of no Return ?

"I can't take any more, should we say goodbye
How can we justify?
They call us civilised!"

Und dann ein scharfer Stimmungswechsel, ein Schnitt ... wie ein Phönix aus der Asche ... der nächste Morgen, farbig, positiv, die Sinne wieder zusammen, die Sonne, hoffnungsvoll, lebendig, irgendwie angekommen, einen großen Schritt weiter, erkennend ...

"Now you realise, that you've got to get out of here
You've found the leading light of destiny, burning in the ashes of your memory
You want to change the world
You'd resigned yourself to die a broken rebel
But that was looking backward
Now you've found the light"
(Childhood's End ?)

Misplaced Childhood ... Marillions Konzeptalbum von 1985, eine Sammlung ineinander übergehender Fragmente von Erinnerungen, Gedanken, Gefühlen und Stimmungen ... mal nachdenklich, traurig, leise, mal euphorisch hoffnungsvoll und voller Stolz ... stets intensiv und poetisch wie die ersten beiden Alben der Band, wenngleich nicht mehr so verschlossen-bizarr, sondern zugänglicher, offener. Ein Meisterwerk derselben Güteklasse, in der ich auch Pink Floyds 'The Wall' ansiedeln würde, ein Album, das man einmal gehört haben sollte, das man in der Sammlung haben sollte. Die beiden Single-Auskopplungen "Kayleigh" und "Lavender" (das für die Single extra noch gestreckt werden musste, was bei den meist überlangen Marillion-Stücken wirklich eine Seltenheit ist) sind nach wie vor vermutlich die bekanntesten Songs der Band.

Tipp: Es gibt die Misplaced als normale CD und als digital überabeitete Version ... letztere hat den Vorteil, daß man eine zweite CD dazu bekommt, auf der sich die komplette Misplaced nochmals in einem frühen Reifestadium findet ... etwas für Leute wie mich, die das Unperfekte meist interessanter finden. Als Live-Aufzeichnung gibt es die Misplaced auch ... hier empfehle ich die Doppel-CD "The Thieving Magpie" von 1988. Und dann gibt es noch ein besonderes Schmankerl ... Fish, der Ex-Sänger von Marillion, hat auf seinem Konzert in Enschede 2002 an einem der beiden Abende die komplette Misplaced zum besten gegeben ... 17 Jahre nach deren Erscheinen. Auf der zugehörigen Doppel-CD "Mixed Company" findet sich dann auch die dichteste mir bekannte Fassung von "Blind Curve", des aus fünf Teilstücken bestehenden Songs, der oben weitgehend zitiert wird ... Fish in Bestform.