Donnerstag, 26.09.2002

Etwas vorab ... dieser Eintrag hier dümpelt schon ein paar Wochen bei mir rum, bin nicht dazu gekommen, in der Zwischenzeit irgendwas anderes zu schreiben ... irgendwie zuviel um die Ohren zur Zeit ... aber irgendwie denke ich daß die paar Zeilen es wert sind reingestellt zu werden, auch wenn sie nicht mehr so ganz aktuell sind :-).

"Ice
Your only rivers run cold
These city lights
They shine as silver and gold
Dug from the night
Your eyes as black as coal"
(The Unforgettable Fire/U2)

5 Uhr morgens, irgendwo auf der A3, kurz vor Köln ... vor einer Stunde habe ich noch geschmunzelt darüber, wie erstaunlich fit ich mich trotz fortgeschrittener Stunde noch fühle ... mittlerweile ist sie da ... die Müdigkeit ... seit einer halben Stunde ... sie kam schleichend, heimlich ... ein paar Raststätten lang überlege ich schon, ob ich nicht kurz anhalten soll ... frische Luft schnappen ... aber der Wunsch irgendwann zuhause anzukommen lässt den Fuß auf dem Gas ... irgendwie geht es schon, irgendwie halte ich die Augen schon offen, was soll schon groß passieren ... sage ich so zu mir ... irgendwie geht es schon ... aber  zwei Sekunden gegen die Schwere der Lider anzukämpfen ist bei Autobahngeschwindigkeit eine Ewigkeit ... irgendwann kann ich mich dieser Tatsache nicht mehr verschließen.

Die nächste Raststätte, Blinker setzen, runter von der Autobahn. Ich halte an, steige aus ... frische Luft, tief durchatmen ... mich ausgiebig strecken ... die Füsse ausschütteln ... die Augen reiben ... Blick zum Himmel, zu den Sternen ... der Motor läuft noch ... und U2 ... dennoch ist es seltsam ruhig ... es ist Nacht ... eine Frau, die gerade ihren Golf getankt hat, geht zum Bezahlen rein ... ich mach meinen Kofferraum auf, fische die Flasche Cola raus, die neben Warndreieck und Verbandskasten im praktischen Gummiband eingesteckt ist ... und kurzer Schluck, noch einer ... tief durchatmen ... erneut trinken ... und die Flasche wieder verstauen ... noch einmal strecken, noch einmal den Blick streifen lassen. Es geht mir besser, es geht wieder ... ich steige wieder ein ... schnalle mich an ... fahre langsam an ... die Frau hat inzwischen bezahlt und steigt in ihren Golf ... ich rolle vorbei ... hinter der Tankstelle ist ein ausgedehnter Parkplatz, prallgefüllt mit LKWs ... vereinzelt laufen noch Leute rum ... Fernfahrer ... das hier ist ihr Job ... nachts unterwegs zu sein, irgendwo zu rasten, zu schlafen, dann weiterzufahren ... ich merke, daß ich immer noch im ersten Gang dahinrolle und schalte hoch ... der LKW-Parkplatz erscheint mir fast endlos, während ich mich frage, wann und wo der Zubringer kommt, der mich wieder auf die Autobahn führt ... eine eigenartige Szenerie ... fast wie ein Campingplatz ... und doch anders ... Reisende, die einander nicht kennen, von denen jeder irgendwo anders her kommt und irgendwo anders hin will und das aus unterschiedlichsten Gründen ... Reisende, die in diesem Augenblick dennoch alle etwas gemeinsam haben, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, an diesem Morgen ... an dieser Raststelle etwas Ruhe zu finden, sich etwas auszuruhen, eine Rast, bevor wieder jeder seinen eigenen Weg weitergeht.

Der Zubringer kommt ... ein kleines Stück weiter beginnt der Beschleunigungsstreifen ... Gas durchtreten, nach Gehör irgendwo bei knapp 6000 Touren in den dritten, Gas wieder durchdrücken, in den vierten Gang, Blinker setzen, umsehen, auf die Autobahn, fünfter Gang, wieder unterwegs, während sich der weiter beschleunigende Lurch ein akkustisches Duell mit "The Unforgettable Fire" von U2 liefert, froh, wieder Leistung abgefordert zu bekommen ... fast habe ich den Eindruck, daß es nicht mehr ganz so dunkel ist wie eben, daß es langsam wieder hell wird ... irgendwann ... ein seltsamer Moment ... eben noch an einem Ort, wo sich x Leute willkürlich über den Weg laufen, die nichts verbindet außer der Tatsache, irgendwohin unterwegs zu sein und in dieser Nacht oder an diesem Morgen auf diesem Rastplatz zu sein um sich eine Pause zu gönnen, und dann wieder raus, wieder ganz für sich allein auf der fast leeren Autobahn, auf dem eigenen Weg mit einem Ziel, das man nur selber kennt und das auch nur einen selbst interessiert ... und dem Wissen oder doch zumindest der Hoffnung, irgendwann anzukommen ... ein Gefühl von Freiheit kommt auf, ein Gefühl von Zeitlosigkeit ... allein mit der Straße, der Nacht, Drehzahlmesser und Tacho ... ein besonderer Moment, einer, der mir die Sinne öffnet für seine Schönheit ...