Sonntag, 03.11.2002

"I'll wait the signs to come.
I'll find a way.
I will wait the time to come.
I'll find a way home.

Who then can warm my soul?
Who can quell my passion?
Out of these dreams - a boat
I will sail home to you."
(Exile/Enya)

Allerheiligen. Herbst. Friedhof. Eine seltsame Stimmung ... es ist bewölkt, windig ... der Wind pflückt Blätter von den Bäumen, weht sie irgendwohin, um sie dann abzulegen ... zu den vielen anderen, die bereits den Boden bedecken. Fast eine Metapher ... für das Leben ... oder für den Tod ? Endet das Leben in dem Augenblick, in dem der Wind das Blatt vom Zweig reisst ? Und ist der Weg, den es zu Boden nimmt, die Zeit, in der noch andere Menschen seiner gedenken, sich erinnern ? Oder beginnt das Leben in dem Augenblick, in dem der Wind das Blatt vom Zweig reisst, und das Vom- Wind-dahingetrieben-werden ist das Leben ... und endet damit, daß das Blatt irgendwann am Boden ankommt ?

Ich weiß es nicht. Irgendwie ist mir danach, an diesem Tag nicht nur den üblichen Weg zu gehen, zu der Stelle, wo meine Oma liegt, sondern mir Zeit zu nehmen ... Zeit, meine Gedanken streifen zu lassen. Irgendwo steht eine einzelne, brennende Kerze in einem roten Kunststoffgefäß ... an einer Stelle, wo kein Grab mehr ist ... eine freie Fläche, nur noch Rasen ... die Gräber hier sind aufgelöst, die Zeit ist abgelaufen ... bald werden neue Menschen hier begraben werden. Und dennoch ... auch wenn das Grab längst nicht mehr als solches zu erkennen ist, gibt es jemanden, der immer noch weiß, wo es einmal war und immer noch ist ... jemand, der sich erinnert ... an den oder die Menschen, die dort liegen. An einer anderen Stelle irgendwo anders liegen zwei Rosen ... einfach auf dem Rasen ... auch hier ist längst kein Grab mehr zu sehen, der Platz wartet darauf, neu vergeben zu werden. Sanft bricht die Sonne durch die Wolken, fast unwirklich, ein Eichhörnchen verbuddelt eine Nuß oder eine Eichel bei einem Grab ... in der Gewissheit, daß bald der Winter da sein wird. Wann ist man eigentlich tot ? Ist man in dem Augenblick tot, in dem das eigene Leben endet ? Oder ist man in dem Augenblick tot, in dem es niemanden mehr gibt, der sich an einen erinnert ?

An diesem Tag gedenken viele. So viele Gräber, so unterschiedlich ... manche mit großen, edlen oder gar pompösen Grabsteinen ... andere ganz klein und bescheiden. Und hinter jedem einzelnen ein eigenes Schicksal, eine eigene Geschichte. Manche wurden älter, andere starben jung. Einen Teil des Friedhofs nehmen die Opfer der beiden Kriege ein ... Kreuz an Kreuz ... Reihe für Reihe ... kein Platz für prunkvolle Grabsteine ... ein Name, ein Geburtsdatum, der Todestag ... selten mehr ... durchmischt von Kreuzen, auf denen nur steht "unbekannter Soldat". Wie muß das sein, keine Stelle zu haben, um jemandem zu gedenken ? Vielleicht sogar immer noch zu hoffen, er würde leben, irgendwo ? Und nicht zu wissen, daß er längst beigesetzt wurde, ohne daß irgendwer wusste, wer es eigentlich war ? Die meisten in diesen Reihen starben mit 21, 22, 23 Jahren ... einer war erst 19. Wenige Kerzen und Blumen hier ... zu lange her ... kaum noch Angehörige ... an einem Grab von jemandem aus dem ersten Weltkrieg brennt eine Kerze, anders als die, die man üblicherweise auf Friedhöfen sieht ... es ist eine ganz normale, lange, schmale, weiße Kerze ... sie ist nicht besonders gegen Wind geschützt ... aber sie brennt ... ich frage mich, wer sie wohl hingestellt hat ... wer auch immer es war, es war jemand, der nicht vergessen hat, der sich noch erinnert ... und vermutlich nicht vergessen wird, solange er lebt ... jemand, der eine Kerze an diesem Tag anzünden wollte als Zeichen dafür. Mein Gott, 1915 oder 1916 gestorben, so lange her ... vielleicht die Tochter oder der Sohn, mittlerweile selbst im Herbst des Lebens angelangt ...

Ein anderer Teil des Friedhofs, für die Bombenopfer Aachens ... hier sind wenige männliche Namen zu lesen ... und wenn dann sind es die von Kindern, was aus den Geburtsdaten hervorgeht ... ein Grabstein lässt mich innehalten ... eine Frau, 3 Kinder ... das älteste 10 Jahre ... alle irgendwann Ende 1944 gestorben, am selben Tag, vermutlich im selben Augenblick. Ich denke daran, wie der Mann diese Nachricht erhalten hat ... vermutlich wie die meisten anderen irgendwo an irgendeiner Front, täglich froh darüber, noch zu leben ... und zuhause kommt die eigene Familie um. Vielleicht ist ihm diese Nachricht auch erspart geblieben ... weil er es nicht geschafft hatte, so lange am Leben zu bleiben ... wer weiß es schon ...

Seltsam berührt verlasse ich den Friedhof ... und denke bei mir, daß wohl die wichtigste Erkenntnis im Leben ist, daß das Leben  weitergeht, egal, wie man das findet. Das Leben bleibt nicht stehen, weil man selbst stehenbleibt ... es bleibt nicht stehen, nur, weil man nicht möchte, daß sich an einer besonders glücklichen Zeit etwas ändert. Das Leben geht weiter, unbeirrt davon, welchen Weg man nun geht und was man aus ihm macht. Wie oft denkt man so im Stillen bei sich "Mensch, das ist gerade so schön, am liebsten hätte ich, wenn es nie anders wäre". Aber es wird nicht ewig währen ... vermutlich nichtmal allzu lange ... Dinge ändern sich, einiges vergeht, neues entsteht ... man kann sich dagegenstellen oder es zulassen, es ändert nichts daran, daß dies letztlich der Weg ist. Und wie oft bemerkt man, was man eigentlich einmal hatte, erst dann, wenn man es längst verloren hat ? Ohne noch irgendetwas tun zu können ?

Vielleicht ist die wichtigste Fähigkeit, um mit dem Leben dauerhaft klarzukommen, die, Loslassen zu können ... Loslassen zu können, ohne zu vergessen.