Samstag, 11.10.2003

"Empty churches, empty pews
In the subway nothing moves
And the static on the radio is drowning out
The Sound of raingods dancing."
(Raingods Dancing/Fish)

Sie war auf einer Demonstration. Gegen Lehrermangel. Sagt sie. Ich verstehe aber 'gegen jedermann'. Manchmal sind es die kleinen Verhörer, die Dinge interessant machen. Eine Demonstration gegen jedermann. Das gefällt mir. Da würde ich sofort mitmachen. Das hat etwas unversöhnliches. Nichts halbherziges, keine Kinkerlitzchen, sondern in grossen Maßstäben gedacht, visionär. Ein großer Schritt nach vorne in der Evolution menschlicher Demonstrationen. Normalerweise ist es ja eher so, daß diejenigen, die demonstrieren, zusammengefasst sind in einer sich bewegenden Masse, und das Subjekt oder Objekt der Aufregung ist außerhalb, ein Bollwerk, gegen das die Masse anrennt. Eine kleine Keimzelle offenen Widerstandes in einer geschlossenen Gesellschaft, sozusagen. In einer Demonstration gegen jedermann ist das anders. In ihr demonstriert man nicht nur gegen irgendjemand außerhalb, nein, man demonstriert auch gleichzeitig gegen alle, die mit demselben Ziel in der Demonstrationsmasse mitlaufen, niemand wäre verschont, und jeder in der Menge wäre zugleich für sich allein. In letzter Konsequenz demonstriert man sogar gegen sich selbst. Kann es eine kritischere Auseinandersetzung mit der Gesellschaft geben als eine Demonstration gegen jedermann ? Große Plakate an Holzstöcken, Banner, von mehreren Leuten getragen, auf denen in großen Lettern steht "Ich bin gegen Dich ... und gegen Dich ... und gegen Dich ... und überhaupt gegen uns alle" ... offene Konfrontation ... Demonstranten, die einander wütend, ekstatisch und zugleich voller Melancholie zuwerfen "Was willst Du hier ? Du hast hier nichts verloren ! Und was will ich hier ? Ich habe hier auch nichts verloren" ... oder auch ein derb-heftig-längst-resigniertes "meine Güte, was kotzen wir mich an". Eine großes solidarisches gemeinsames Anprangern, das dann in einer grenzenlosen Versöhnung mündet, wenn man gemeinsam bei einem Bier und einer Knackwurst mit ewig zu laschem Senf lächelnd einsieht, daß man eh nichts gegen jedermann machen kann ... alleingelassen in einer Masse, in der alle eh nur das gleiche wollen. Wer weiß ... vielleicht wäre das die Geburtstunde einer neuer Demonstration ... für jedermann ?