Sonntag, 07.12.2003

"And you may find yourself living in a shotgun shack
And you may find yourself in another part of the world
And you may find yourself behind the wheel of a large automobile
And you may find yourself in a beautiful house, with a beautiful wife
And you may ask yourself-Well...
How did I get here?"
(Once in a lifetime / Talking Heads)

"Dieses Auto macht zufrieden" prangt in grossen Lettern auf der Motorhaube des Toyotas. Ich denke es muß ein Yaris sein ... zumindest erinner ich mich daran, dieses Fahrzeug irgendwann mal in der Werbung gesehen zu haben, und assoziiere - aus welchen Gründen auch immer - den Namen Yaris damit. Aber genau weiß ich das nicht - was nicht wirklich eine Rolle spiele. "Dieses Auto macht zufrieden" lese ich und frage mich insgeheim, ob das denn bei dem Fahrer, der nun den ungefähr fünften Anlauf unternimmt, in die ziemlich knapp bemessene Parklücke rückwärts einzuparken, auch so ist. Es geht vor, das Lenkrad wird eingeschlagen, es geht zurück, dann wieder vor, nunja, irgendwann schafft er es dann - mehr oder weniger. Dann steigt er aus. Und seine Frau / Freundin auch. Beide im feschen Partnerlook mit schwarz/weissen, wintertauglichen Anoraks. Ob die beiden nun zufrieden sind ? Und breitet sich die wohlige Zufriedenheit bereits aus, wenn man den Yaris nur besitzt ? Oder langt die Spanne der Zufriedenheit nur, solange man drinnen sitzt ? Eine interessante Frage ... die das fröhlich lächelnde und mit der Funkfernbedienung rumspielende junge Pärchen nicht wirklich beschäftigt ... die Blinker leuchten auf ... und wieder ... und wieder ... und dann gehen die beiden shoppen. Ja, ich würde sagen, sie machen einen zufriedenen Eindruck, vermutlich werden sie sich vor lauter Freude, in die Parklücke gepasst zu haben und beim Aktivieren der Zentralverriegelung so toll leuchtende Blinker sehen zu dürfen, einen Toyota Yaris kaufen. Auf seltsame Weise sind die beiden mir sympathisch, auch wenn es sie nicht sonderlich kümmert, daß sie nun jemanden ganz in ihrer Nähe sehr nachdenklich gestimmt haben.

"Dieses Auto macht zufrieden" ... hm ... ist das eigentlich ein geeigneter Werbeslogan ? Frage ich mich so ... was will mir der Autor mit diesem Satz sagen ? Warum hat er nicht gesagt "Dieses Auto macht glücklich" ? "Glücklichsein", das klingt nach Leidenschaft, nach Erleben, nach bunten, schillernden Farben, nach dem Geschmack wilden Honigs. Vielleicht wäre das dann doch etwas dick aufgetragen gewesen ? So, daß niemand es ernst genommen hätte ? Stattdessen besser "zufrieden" nehmen ? Kann man mit dem irgendwie durchschnittlich einzuordnenden Begriff des "Zufriedenseins" ernsthaft werben ? Irgendwie denke ich nun an den Spruch "Man muß auchmal zufrieden sein" ... joah, ganz wichtig. Nur hat der Spruch immer diesen seltsamen Unterton "Nicht immer nach mehr streben und nach besserem, nicht immer den Kopf in den Wolken haben, auch mal froh sein über das, was man hat, auch wenn es nicht die kühnsten Träume widerspiegelt". Hm. Ist dann Zufriedenheit nicht immer auch eine Prise bewusster Entbehrung ? Eine Prise stiller Resignation ? Ist Zufriedenheit vielleicht die Fähigkeit, die momentane, zufriedenstellende Situation gutzuheissen, in dem man alles darüber hinausgehende in die Faszination des Unerreichbaren packt und sich selbst als jemanden positioniert, der mit beiden Füßen auf dem Boden steht? Ist Zufriedenheit eine vor sich selbst schöngeredete Zwangs-Askese ? Benutzt man das Wort Zufriedenheit nicht typischerweise dann, wenn man sagt "Naja hey gut, das und das hätte ich schon gerne oder dies und das stell ich mir anders vor und würde ich anders besser finden, aber eigentlich sollte ich zufrieden sein, denn da sind 17 andere gute Sachen, die zwar nun gar nichts mit dem einen Punkt, der mich insgeheim stört, zu tun haben, aber die mir spontan einfallen und es wieder aufwiegen, wenn ich nicht wieder anfange, drüber nachzudenken - oder vielleicht sogar dann". Soll der Slogan insgeheim bedeuten "Ok, für einen Mercedes C 280 hat es nicht gereicht, egal, andere Hersteller machen auch schöne Autos, und für mich reicht das allemal" ?

Ist jemand, der einen Toyota Yaris fährt, ein bekennender Zwangs-Asket ? Eine Art moderner, sich selbst durch Konsum geisselnder Mönch, ein Kreuzritter des nach außen hin sichtbaren Verzichts ? Hm. Ist auf der anderen Seite nicht Zufriedenheit eine zwingende Voraussetzung, um sich glücklich zu fühlen ? Oder wenn es vielleicht keine zwingende Voraussetzung ist, so doch vielleicht eine Vereinfachung, eine solide Basis ? Irgendwie kommt mir das Bild eines Esels in den Sinn, dem an einem Stock eine Möhre vor die Nase gebunden wurde, die er nie erreichen kann, weil sie mit jedem Schritt, den er vorwärts geht, auch einen Schritt weiter geht, und der sich sagt "Gut, ich kann die Möhre nie erreichen, aber zwischen mir und der Möhre ist soviel Luft, daß ich zumindest prima atmen kann". Zufriedenheit ist wohl der Zustand, wenn die Waage der guten und schlechten Bedingungen im eigenen Leben ungefähr ausgeglichen ist oder sich leicht zum positiven hin wendet - wobei das jeder anders definiert. Dummerweise kann die Waagschale schon schwanken, ohne daß sich wirklich was an den Umständen ändert, weil man ständig jeden einzelnen Puzzlestein anders gewichtet. Und letztendlich strebt jeder bewusst oder unterbewusst nach dem Zustand, bei dem die positive Waagschale die negative restlos ausgehebelt hat - nach der Möhre vor den Augen des Esels.

Das Autohaus sollte diesen Slogan entfernen. Er hat seine Schuldigkeit getan, ich habe genug über ihn nachgedacht ... genug vielleicht sogar im Sinne von "eigentlich schon zuviel". Wobei die Idee, solche Solgans auf Autos zu schreiben, nicht schlecht ist ... wenn ich da etwa an diese Parklücke denke, die für zwei Autos mehr als ausreichend wäre, und in die jetzt eine mir vom Sehen nicht unbekannte, üppig bewachsene (oder prächtig genährte) Frau Ende 30 / Anfang 40 wunderbar mittig einparkt ... warum auch nicht ... solange die gute Frau wunderbar ohne zu rangieren und mit nur minimalem Lenkeinschlag vor- und rückwärts wieder rauskommen kann, spielt es natürlich keine Rolle, daß auch noch andere Leute vielleicht ein Interesse haben könnten, hier den Wagen abzustellen ... ist ja auch an einem Samstag vormittag, wo alle Welt noch Einkäufe hier zu erledigen hat, und sich die Leute restlos genervt auf alles stellen, was nicht niet- und nagelfest ist, zugegebenermaßen sehr unwahrscheinlich ... und letztlich, hey, ist doch deren Problem oder ? Angesichts der Tatsache, daß ich hier parkplatzmäßig an drei von vier Samstag leer ausgehe, hat die Frau es spontan geschafft, meinen Grimm auf sich zu ziehen ... zumal sie derartige Aktionen häufiger bringt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie einmal ein Parkplatzsuchender aus dem Auto raus in ihre Richtung lamentiert hat, als sie auch so herrlisch zentral geparkt hatte ... irgendwie hatte er wohl gedacht, sie würde noch ein Stück vorsetzen, stattdessen war sie einfach ausgestiegen ... die Lamentiererei hatte sie wohl kurz verwirrt, aber sie hatte leider nicht mal im Ansatz verstanden, was der gute Mann denn von ihr wollte ... sie hatte sich nur kurz ihr Auto von oben bis unten angeschaut, alles für gut befunden und war dann ohne weitere Aktion im Schlecker-Markt verschwunden ... den etwas baff dreinschauenden Mann einfach zurücklassend.

Insgeheim spiele ich mit dem Gedanken, ihr einen übergrossen Slogan auf die Haube ihres dunklen Ford Fiestas zu kleben ... "Dieses Auto macht Fahrer, die keine 5 Meter geradeaus denken können, ohne dabei geistig in den Graben zu fahren" - aber das wäre zuviel Text, um ihn wirklich mit weithin sichtbarer Schrift auf der Haube eines Fiestas unterbringen zu können.