Donnerstag, 01.01.2004

"She said all the best freaks are here
She said all the best freaks are here, please stop staring at me
So I said all the best freaks are here
All the best freaks are here, please stop staring at me"
(Freaks / Marillion)

"Ich muß da rein, da steht eine Freundin von mir an" sagt sie und deutet mit der Hand in den Gang.
Das neue Jahr beginnt also mit einer Frage. Vielleicht sogar mit mehreren Fragen. Und einer Diskussion. An ungewöhnlichem Ort. Aber ungewöhnliche Fragen brauchen nunmal ungewöhnliche Orte, um Antworten zu finden. Die Frage ist: Pullern (oder vielleicht vornehmer ausgedrückt: urinieren oder von mir aus auch harnen) Männer schneller als Frauen ? Oder vielleicht gezielter, organisierter, effizienter, professioneller ? Ist der Druck bei Frauen wenn es hart auf hart kommt höher als bei uns Männern und wählen Frauen aus dem Grund alternative Lösungsansätze zur Entleerung ihrer Blase ? Oder - ganz einfach und ohne Umwege gefragt - was veranlasst Frauen im durchaus schon angereiften Alter von Anfang bis Mitte 20 dazu, sich bei einer Fete in die Schlange an der Männertoilette anzustellen ? Ich sehe es fast schon als Phänomen, denn es wird langsam schon zur Gewohnheit. Ist vielleicht der Hang zum hemmungslosen Voyeurismus letztlich doch durchgebrochen ?

Warum dringen die sonst doch eher zartbesaiteten, teilweise geradezu anmutig-schönen Wesen so forsch in eine der letzten Bastionen reinen männlichen Brauchtums ein, und dies mit einer Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht ? Und warum ist diese Schlange trotz
der bunten Mischung der Wartenden immer noch kleiner als die der Damentoilette ? Und - was nochmal wesentlich erstaunlicher ist - wieso hat man, wenn man - nachdem man durchaus ein wenig Zeit in der Warteschlange verbracht hat - das seltsame Gefühl, daß sich an der Schlange der Damentoilette nicht wirklich viel bewegt hat (abgesehen davon, daß sie weiteren Zulauf bekommen hat) ? Ich hatte den Eindruck, in der Zeit, in der bei den Frauen ein oder zwei abgefertigt wurden, wurde bei uns Männern schon fast eine ganze Hundertschaft durchgereicht, und das trotz lebhafter und lustiger Diskussion aller Beteiligten über die Zustände. Wie kann das sein ?

Nun ... studieren wir den Vorgang etwas von innen. Während an den Pissoirs das Entlehren ruckzuck vonstatten geht (mal ganz abgesehen von dem Artgenossen, der in der Mitte stand ... der bekam das natürlich von allen Seiten aufs Brot geschmiert, was vermutlich bei ihm zu einer völligen Blockade führte), wird um die abschliessbaren Toiletten mit Sitzgelegenheit durch die Damenwelt ein enger Belagerungsring gezogen. Und wie es bei einer guten Belagerung ist ... da tut sich erstmal gar nichts ... abgesehen von Fachgesprächen, welches Toilettenpapier wohl die geringsten Hautreizungen bei gleichzeitiger hoher Reinigungskraft verursacht. Wir alle wissen aus dem Mittelalter: Belagerungen brauchen ihre Zeit, um Wirkung zu zeigen.

Vielleicht sind wir Männer einfach von Natur aus für kürzere Boxenstopps ausgelegt ? Weil wir unsere Zeit gemäß Schöpfungsplan sinnvoller verbringen sollen ? Etwa damit, uns das nächste Bier zu holen oder den Müll rauszutragen ? Vielleicht ist es sogar unterschwelliger Neid auf diese Fähigkeit, wenn eine Frau in der Toilette ihrer Wohnung ein Hinweisbild anbringt, auf dem ein im Stehen pullernder Mann durchgestrichen ist ?