Freitag, 19.03.2004

"Still as a breath held as a sigh,
Still as a heart that denies the final truth,
The breaking news, on the edge of a moment
Where we hope and pray that there's still time,
There's always time, time to look back,
Time to regret, time to remember just how we met ,
Time slips slowly by as I stare at forever
And I wonder if we still have time ..."
(Scattering Crows / Fish)

Verrückt wie die Zeit vergeht. Einfach verrückt. Manchmal hab ich fast das Gefühl, ich drehe mich mal für eine Minute um, zumindest kommt es mir so vor, und wenn ich wieder dahin schaue, wohin vorher geschaut habe, habe ich den halben Film verpasst. Gestern hatte ich auch wieder dieses Gefühl. Nicht, weil ich gestern 34 geworden bin ... nein, zumindest nicht nur ... wenngleich ich die Tatsache, daß ich mittlerweile Mitte 30 bin, auch ein wenig bizarr finde. Nein, Auslöser des Gefühls war das Konzert, auf dem ich abends war. Fish spielt in Krefeld. Er wird nicht jedem was sagen, Fish war in den 80er-Jahren Sänger bei Marillion (einer meiner Lieblingsgruppen wenn nicht gar der Lieblingsgruppe), bis er 88 die Band verließ und solo weitermachte. Das letzte Mal, daß ich auf einem Konzert von ihm war, ist eine ganze Weile her ... es war die Internal Exile Tour, irgendwann 91 oder so muß es gewesen sein. 13 Jahre her. Tja ... das Publikum hat sich nicht groß verändert ... oder besser gesagt, die Leute, die Marillion damals gut fanden, gehen auch heute noch zu den Konzerten von Fish ... unschwer erkennbar daran, daß Fish "Market Square Heroes" als Zugabe bringt und die meisten es mitsingen können ... es war die erste Single von Marillion, 83 erschienen. Tja ... das Publikum hat sich von den Leuten her nicht sehr geändert ... es sind die gleichen ... aber sie sind älter geworden ... und es ist das erste Mal, daß es mir so bewusst auffällt. Der Altersdurchschnitt liegt irgendwo in den 30ern, es sind genügend Leute zu sehen, die sicherlich Ende 30 Anfang 40 sind ... nur vereinzelt ein paar wirklich junge Leute. Und mit dem Alter der Leute haben sich auch die Gesprächsthemen geändert ... heute wird eben über die Vorteile irgendwelcher keinen Tischchen an Kinderstühlen gesprochen und warum es eine ziemliche Sauerei geben kann, wenn sie fehlen, was auf dem Weg in die Halle zwei vor mir in der Schlange stehende Frauen detailliert durchdiskutieren. Fish selbst ist auch nicht jünger geworden, er dürfte mittlerweile um die 45 sein, und seine Haare haben sich doch recht deutlich gelichtet.

Aber auch die Atmosphäre ist eine andere ... sie ist gesetzter, ruhiger ... fast familiär. Ca. 300 Leute sind in der Halle, sie ist gut besucht, aber es ist nicht so, daß man sich bei jeder Seitwärtsbewegung fragen muß, wem man nun wieder auf die Füße tritt ... angenehm eben, ohne Bedrängung. Für zusammengepferchte Menschenmassen hatte ich noch nie besonders viel übrig.

Die Atmosphäre ... sie ist ohnehin das besondere bei Konzerten von Fish. Man fühlt sich nicht so als Zuhörer, er ist nicht jemand, der seine Songs vorne runterspielt, eine Zugabe gibt und die Sache dann für ihn gegessen ist. Nein, man merkt, daß es ihm Spaß macht, live zu singen ... man merkt, daß es ihm Spaß macht ... er lässt sich Zeit, erzählt von sich, von seinen Gedanken, manches als Einstimmung auf die Songs, er scherzt mit dem Publikum. Und die Musik selbst ... nun ... sie ist eh über jeden Zweifel erhaben ... Fish hat halt einfach die Gabe, oftmals genau die richtigen Worte zu finden, Texte zu schreiben, die unter die Haut gehen, die einen nachdenklich machen, vielleicht den Blick oder die Perspektive manchmal etwas nachjustieren ... erfrischend in einer Zeit, in der fröhlich-sinnleeres Dahingeträller endgültig die Absolution erhalten hat und die x-te verhunzte Coverversion, die nur noch entfernt in grausam verunstalteter Form an das Original erinnert, die üblichen Kreise zieht.

Vielleicht ist es das, was unserer Gesellschaft und unserer Zeit langsam verloren geht ... die Originale ...