Dienstag, 20.04.2004

"And someone said live fast die young
But the time runs always faster son.
Diseases come diseases go
Welcome to the final show."
(Generation got it's own disease / Fury in the Slaughterhouse)

Ich weiß schon, warum ich so gern zum Arzt gehe, ja, die Gelegenheit voller Freude nutze, wann immer sie sich ergibt. Kenner wissen, daß es nicht nicht die schätzungsweise zehn oder maximal fünfzehn Minuten beim Arzt drinnen sind, die das Erlebnis ausmachen, sondern die mindestens sechzig Minuten vorher im stets überfüllten Wartezimmer. Hier lebt man am Puls der Zeit, hier geht das wahre Leben ab, hier hofft man - selbst wenn man noch so fiebrig daherkommt - das man vielleicht nicht doch noch mit mehr Krankheiten nach Hause geht als man vorher eh schon hatte. Gutes Beispiel Ende letzten Jahres. Voller Tatendrang wollte ich zum Ausklang des Jahres spät nachmittäglich einfach mal ein paar gesundheitliche Fragen klären. Nein, ich war nicht krank, nicht wirklich, nicht akkut. Zielstrebig steuerte ich auf den einzigen freien Sitzplatz im Wartezimmer zu (natürlich im Hinterkopf mit den Gedanken ringend, warum es eigentlich - egal wann man zum Arzt geht - immer voll sein muß). Tja, warum besagter Platz dann frei war, merkte ich auch recht schnell. Neben mir saß ein 12 oder 13 jähriges, vermutlich trotz allem lebenslustiges Mädchen, das offensichtlich höchstgradig bakteriell verseucht war. Da wurde geschnupft, da wurde gehustet, da sagte sie in fortwährendem Redefluß zu ihrer Mutter "Uah mir ist soooo schlecht, ich glaube, ich habe Fieber, ja, ich habe Fieber, mir ist so heiß, boah geht es mir schlecht." Es war klar, daß sie neben mir sitzen musste bzw. ich neben ihr. In unserer Gesellschaft leidet nunmal niemand alleine, nicht ohne Grund herrscht ja in den Krankenkassen das Solidaritätsprinzip. Und mir wurde mit jedem Schnupfen oder Husten oder jeder geäusserten Unwohlseinsbekundung klarer, daß vermutlich ich in naher Zukunft doch sehr ähnlich fühlen würde. Gut, ich muß aus heutiger Sicht zugeben, daß ich verschont blieb. Füchse sind hart im Nehmen. Sei es drum.

Gestern dann mittägliches Kontrastprogramm. Wartezimmer voll und eine ältere Dame drinnen, die offensichtlich jeden anwesenden Patienten mit Namen und Krankengeschichte kannte. Wer weiß, vielleicht gibt es ja eine Art geheimen Stammtisch, an dem sich all die Leidenden abends versammeln, ich möchte das nicht als abwegig abtun, kann ich ja auch gar nicht. Und so war sie dann nach und nach mit der Hälfte der Anwesenden in Gespräche verstrickt, und ich durfte brandheiß miterfahren, welcher Orthopäde wen wann untersucht hat und wer ans Krankenhaus überwiesen wurde (aber nicht warum) und wer nicht. Dazwischen natürlich immer eingebunden das "wieso war ich eigentlich noch nicht dran" und "wieso ist die und der nun vor dem und der dran". Nicht ausgelassen wurden dann auch die neuen Praxisräume, die ja nun doch sehr gelungen seien, nur die Toiletten, die wären nunmal aufgrund ihrer Enge schlichtweg unzumutbar. Ja, das ist starker Tobak, alles in einer auch an der Rezeption (wie ich das jetzt mal so nenne) problemlos verständlichen Lautstärke, da wär ich auch gern Sprechstundenhilfe. Einziger Trost in der Situation ein Werbeplakat der "Forschungsgruppe Akupunktur", die all die lustigen oder zumeist weniger lustigen Krankheiten benennt, die erfolgreich mit den allseits bekannten Nadeln oder wohlplazierten Laserstrahlen behandelt werden können. Innere Erkrankungen, orthopädische Erkrankungen, von Gelenkschmerzen und Überbeinen bis hin zur Migräne, alles ist drinnen. Meine Augen blieben jedenfalls interessiert an der Überschrift "Unlogische Krankheiten" hängen, unter der u.a. Sexualstörungen aufgeführt waren. Die Überschrift gefiel mir, zumindest solange, bis ich merkte, daß ich mich verlesen hatte und da nicht "Unlogische Krankheiten" sondern "Urologische Krankheiten" stand. Schade eigentlich. Unlogische Krankheiten gefielen mir deutlich besser. Allein die Möglichkeit, Krankheiten in logische und unlogische Sparten zu sortieren und nach welchen Kriterien man wohl die Klassifizierung vornehmen könnte. Wäre eine gebrochene Zehe eine logische Erkrankung ? Wenn man die Ursache kennt (weil zum Beispiel wiedermal der Cola-Automat geklemmt hat) ? Wäre letztlich jede Krankheit eine logische Krankheit, wenn man die Ursache kennt ? Wären Sexualstörungen und überhaupt alles im zwischenmenschlichen Bereich dann stets unlogische Erkrankungen ? Oder zumindest begrenzt unlogisch ? Allein schon wenn ich mir Buchtitel der Fachliteratur vorstelle ... "Alternativmedizinische Heilansätze für unlogische Erkrankungen" ... wenn ich mir anschaue, was einige Leute so zusammenprogrammieren könnte ich da noch an ganz andere Anwedungsbereiche denken ...