Sonntag, 12.09.2004

"Wind Nord-Ost Startbahn null-drei,
Bis hier hör' ich die Motoren
Wie ein Pfeil zieht sie vorbei
Und es dröhnt in meinen Ohren

Und der nasse Asphalt bebt

Wie ein Schleier staubt der Regen
Bis sie abhebt und sie schwebt
Der Sonne entgegen"
(Über den Wolken / Reinhard Mey)

Antonow AN-2. Der grösste Doppeldecker der Welt, Erstflug 1947. 9-Zylinder Sternmotor mit ungefähr 30 Litern Hubraum und knapp über 1.000 PS. Extrem kurze Startstrecke, robust, urig. Und ich - der Silberfuchs - bin an Bord, live und in Farbe ... auf dem Westflug-Flugplatzfest in Merzbrück. Mit mir sind noch zehn anderen an Bord ... Pilot und Copilot sowie (mit Pascal und mir zusammen) neun Fluggäste, die auf drei Einzelsitzen links bzw. in 3 Doppelreihen rechts sitzen. Alles auf recht engem Raum, spartanisch, russisch, Wellblech um einen rum, ein einfacher Beckengurt gibt Halt und wird gerne angelegt. Erwartungsfreudige Euphorie. Der Sternmotor springt beim zweiten Anlauf an. Ein Ruck geht durch das Flugzeug, danach vibriert alles leicht - genau wie es sein muß, wenn da irgendwo ein Motor werkelt. Die Antonow rollt zum Start, auf der Asphaltbahn macht sich eine T-6 bereit und startet. Die Antonow startet auf dem Gras ... hier ist sie in ihrem Element, immerhin war ein primäres Einsatzgebiet für sie die Landwirtschaft ... als Sprühflugzeug oder ähnliches, und sie musste somit in der Regel mit unbefestigten Pisten zurecht kommen. Der Anzug beim Starten ist übrigens durchaus merkbar, überraschenderweise ... man traut sowas einem Flugzeug dieser Grösse, das auch ein wenig klobig wirkt, nicht unbedingt zu ... und sie klettert munter auf Höhe.

Und als ich so rausschau durch das bullaugenartige Fenster, vorbei an der unteren Tragfläche und den stabilen Querstreben, denk ich so bei mir, was die Faszination am Fliegen ist ... Dinge mal anders zu sehen, aus einer anderen Perspektive, losgelöster, rausgehoben von der Sicht, die man sonst hat. Vielleicht rückt es auch manches wieder zurecht zu sehen, wie klein manches doch im Vergleich ist und in welchen Zusammenhang es eingebettet ist. Aber vielleicht ist es auch einfach nur das Gefühl, diesem Naturschauspiel, daß die Sonne, der Himmel und die Wolken immer wieder über einem veranstalten, egal ob man hinschaut oder nicht, einfach ein kleines Stück näher ist ...