Donnerstag, 21.10.2004

"lichter an in deinem kopf
zeit zu checken was dein hirn verstopft
denn was du brauchst & was dir fehlt
dein innerstes zusammenhält
ist aufgebraucht & einkassiert
von der konsumgesellschaft konsumiert

jeden tag ein neues leben kaufen
perücke tragen, statt haare raufen
ewig grinsen, statt zähne zeigen
betroffen sein, statt wirklich leiden
wovor hast du angst
mach doch die augen auf
"
(Blut, Schweiß & echte Tränen / Das Auge Gottes)

Eine Zeitschrift 'Bunte' liegt auf einem Tisch, daneben steht eine Tasse Kaffee. Oder Cappuccino. Oder was auch immer das sein mag, unrelevant.
"Was gibt es neues ?" fragt eine weibliche Stimme.
"Oh, viel." antwortet eine andere weibliche Stimme, wohl der vermeintlichen Freundin zugehörig, und fügt ein wirres Potpourri brandheisser Informationen aus dem Bereich gesellschaftlicher Klatsch und Tratsch hinzu. Wer gerade mit wem rummacht, wer total erholt von seinem Urlaub in Saint Tropez ist, von wem eindeutige Urlaubsfotos aufgetaucht sind, wie schwer der und der Prominente darunter leidet, daß seine Frau die und die Krankheit hat, wie der und die gemeinsam trotz Krankheit/Führerscheinentzug/Weltwirtschaftskrise/chronischem Nutella-Mangel/Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation um ihre Ehe kämpfen, und so weiter und so fort.
"Und bei Dir ?" fragt die Stimme am Ende.
"Bei mir ist alles beim alten." antwortet die Freundin wehmütig seufzend über ihr langweiliges Leben. Das Ganze wird wunderbar untermalt mit dem Slogan "Ohne die Bunte wäre es nur ein Donnerstag."
Und in mir breitet sich Schmerz aus. Ja, manchmal kann Fernsehschauen Schmerz bereiten. Und Schmerz überkommt mich jedesmal, wenn ich diese Werbung sehe. Und ich habe sie schon oft genug gesehen. Heute endlich bin ich soweit Herr über meine Schmerzen, daß ich offen über die Werbung schreiben kann, und das will etwas heissen.

"Wer um Himmels Willen soll denn bitte zur Zielgruppe für diesen Werbespot gehören ? Wer bitte fühlt sich da freiwillig zugehörig?" habe ich mich gefragt, als ich sie das erste Mal sah. Ich meine, analysieren wir einmal, was uns da erzählt und für toll verkauft wird. Stellen wir uns vor, wir fragen einen Freund, was es denn neues gibt. Und dieser erzählt uns ein buntes Kaleidoskop von Geschehnissen aus der Welt des Glamours, von denen keins, aber auch wirklichs keins auch nur minimal mit ihm, seinem direkten oder indirekten Umfeld oder gar uns zu tun hat. Und anschließend fragt er hörbar zufrieden "Und bei Dir ?"

Was würden wir uns da denken ? Hmmm ? Ich meine, was bitte soll das denn bedeuten, was soll man denn daraus schließen ? Riiiichtig ... "Wenn schon in meinem Leben nichts, aber auch rein gar nichts passiert, was auch nur ansatzweise erzählenswert ist, sollte ich mir wenigstens die 'Bunte' kaufen, damit ich was zu erzählen habe. Und mir dann einbilden, ich wäre irgendwie daran beteiligt, was irgendwelche Prominente erleben, nur indem ich diesen Brei weitererzähle, und könnte mich dadurch als Gewinner fühlen, weil mein Gegenüber nichtmal sowas erzählen kann." Wer bitte soll sich denn mit dieser Werbung ernsthaft identifizieren wollen ? Wenn man die einmal gesehen hat, müsste es einem ja schon fast wie ein Armutszeugnis vorkommen, in einem Umkreis von 5 Metern von einem Exemplar der 'Bunte' gesehen zu werden. Das kann doch wohl kaum die Intention des Werbenden sein ?! Auahaua, ich meine, es gibt ja in jedermanns Leben mal Phasen, wo man den Eindruck hat, es tut sich nichts, daß das Leben stagniert, nicht umsonst gibt es sowas wie eine Midlife-Crisis, die irgendwann in das Leben der meisten tritt, das ist normal, das ist ok so. Aber soll bitte nun die Bunte als Mittel dagegen verkauft werden ? Zum präventiven Einsatz ? Als Heilmaßnahme ? Als kleines bebildertes Dragee/Zäpfchen für danach ? Gibt's da nix von ratiopharm ?

Und dann die unterschiedlichen Varianten des Spots. Bei der ersten Version war die erste Frage auch noch glasklar "Was gibt es neues bei Dir ?". Da war selbst dem geistig-schwerfälligsten Zuschauer sofort klar, daß auf die Frage alles mögliche kam, nur leider keine wirkliche Antwort. Das war den Werbefachleuten dann aber vielleicht doch eine Prise zu offensichtlich, und somit heisst es neuerdings nur noch "Was gibt es neues ?" und am Ende wird dann die vermeintlich vor Neid umkommende Freundin gefragt "Und bei Dir ?" Den Vogel abgeschossen haben die guten Leute von der Werbeabteilung, als sie einen Mann zur Vertonung mißbrauchten, der die Rolle des aus der Bunten vortragenden übernahm. "Auahaua" dachte ich mir da wiedermal ... noch offensichtlicher kann man wohl kaum klarmachen, daß dieser Spot so nah an der Realität orientiert ist wie der Herr der Ringe, nur im Unterschied zu diesem komplett für die Tonne. Halloooho, welches männliche Wesen liest denn bitte ernsthaft die 'Bunte' ? Sollte es wirklich Mitgeschlechtler geben, die sich dafür interessieren, mit wem Babs Becker gerade auf welcher Party gesichtet wurde, welches Kleid Steffi Graf von allen ungesehen unter der Leselampe in Ihrer Dachgeschoßwohnung getragen hat oder ob Al Bino und Romina Power jemals wieder gemeinsam eine Pizza Vier Jahreszeiten zusammen backen ? Die sich das derart gelesene sogar noch merken und wiedererzählen können, es also bewusst lesen ? Und die sich damit in die Öffentlichkeit begeben ? Oder verkenne ich dieses bunte Magazin etwa und da stehen Sachen drinnen von denen ich bislang noch nichtmal zu träumen gewagt hatte ? Wie eine einfache und verständliche Reparaturanleitung für Schiebedächer von Renault ohne dafür den kompletten Rahmen austauschen zu müssen ?

Oha, ich merke es, ich schweife aber, aber mal ehrlich, ein Outing stell ich mir immer schwierig vor, aber vor so einem Eingeständnis literarischer Neigungen muß ich dann doch schon irgendwie leicht versöhnlich schmunzelnd den Hut ziehen.