Sonntag, 24.10.2004

"You wanna be the big man,

You got big plans, big ambitions
You got dreams
So what's the big idea ?

Take my advice, keep it simple,

Keep it real"
(The Rookie / Fish)

Ich habe schon lange drüber nachgedacht, eine neue Rubrik einzuführen. 'Helden des Alltags', 'Idole unserer Zeit', irgendsowas in der Art. Schließlich fällt mir oft genug jemand auf, den ich in dieser Sparte einsortieren würde. Nunja, diese Woche kann ich irgendwie nicht mehr anders. Mein Held für diese Woche ist kein geringer als Wolfgang Clement, unser Superminister für Wirtschaft und Arbeit. Nun, was hat er gesagt oder getan, daß er sich für diesen Titel qualifiziert hat ? Sicher, er ist mir schon mehrmals positiv aufgefallen, aber es waren wohl die Tagesthemen (oder das heute journal) diese Woche Dienstag, die den Ausschlag gaben. Im Interview konfrontiert mit der Tatsache, daß das ohnehin eher als dürftig zu bezeichnende Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1,8 % 2004 im nächsten Jahr auf 1,5 % fallen würde, sagte er einfach, daß man das so gar nicht sagen könne, denn das nächste Jahr wäre hinsichtlich der Feiertage ein sehr arbeitnehmerfreundliches Jahr, und wenn man irgendwie die durch die auf normale Werktage fallenden Feiertage ausfallende Arbeitszeit reinrechnen würde, hätten wir im nächsten Jahr kein geringeres Wirtschaftswachstum, nein, wir hätten sogar ein größeres Wirtschaftswachstum als dieses Jahr. Jaahaa, da musste nicht nur ich schlucken und so bei mir denken "Hat er das nun wirklich gesagt ? Nein, das kann er doch nicht wirklich gesagt haben ... oder doch ?", nein, denn eine ähnliche Reaktion wie ich zeigte auch der Sprecher, der nach diesem wertvollen Beitrag mit den Nachrichten des Tages fortschreiten durfte.

Wie werden Politiker doch oft zu Unrecht verkannt ... da ist endlich mal jemand, der die Zeichen der Zeit erkennt, der weiß, warum es in Deutschland so mit dem Aufschwung hapert, und warum wir in Sachen Wirtschaftswachstum in Europa den letzten Platz belegen. Es sind die Feiertage ! Darauf muß man erstmal kommen, für einen Normalsterblichen ist das entweder viel zu naheliegend oder aber viel zu absurd. Man muß eben einen klaren, analytischen Blick für die wahren Zusammenhänge haben und ein gesundes Gespür für die richtigen Visionen zur richtigen Zeit. Ich meine, gut, ich habe dann auch gleichmal geprüft, wie viele Feiertage denn in 2004 auf Arbeitstage entfielen, und kam für NRW auf 8 (eingerechnet den jeweils halben freien Tagen für Weihnachten und Sylvester) ... allerdings auch für 2005. Gut, ich muß sagen, ich habe keine Gegenprobe gemacht, es war nurmal flachs zusammengezählt, was ich so frei hatte 2004, ich kann da nicht ausschließen, daß ich mich verzählt habe, und in anderen Bundesländern kommt man vermutlich auf andere Tageszahlen. Aber gerade das ist eben der Punkt, der einen echten Superminister für Wirtschaft und Arbeit von dem normalen Bevölkerungsmenschen trennt wie die Spreu vom Weizen. Denn wo ich jetzt - naiv und unerfahren in wirtschaftlichen Zusammenhängen nunmal bin - sagen würde "nee, das können doch bestenfalls ein oder zwei Tage mehr sein wenn überhaupt, das kann doch nicht wirklich so grossen Einfluß auf das Wachstum haben", da setzt ein eben der Superminister ein, hinterfragt das weiter, sieht hinter die Zusammenhänge, spürt die wahren Ursachen auf. Klasse sowas. Endlich ist der Schlüssel gefunden, mit dem wir uns die Tür zu ewigem, gesicherten Wohlstand wieder aufschliessen können ... wir brauchen einfach weniger Feiertage. Oder besser gesagt, nicht weniher Feiertage, sondern einfach nicht mehr frei an den Feiertagen. Ist ja eigentlich auch logisch. Mein Gott, was für Visionen sich da vor mir ausbreiten ... wenn schon kein Tag Unterschied zu mehr als 0,3 % Unterschied führen können, wie schnell kämen wir da mit ein klein wenig Verzicht endlich wieder auf 4 % Wirtschaftswachstum ... ohne, daß es jemandem weh tut, ohne Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld. Ich meine, hey, vermutlich machen die anderen Länder das auch nicht anders. Und wenn doch sind sie einfach zu blöd und haben die falschen Leute an den entscheidenden Stellen, das muß man dann einfach sagen. Wir Deutschen sind eben nicht ohne Grund das Volk der Dichter und Denker, was unser Superminister wieder mal bewiesen hat.

Aber damit nicht genug, der nun frisch gebackene aus Bochum stammende Held der Woche setzte im Laufe der Woche angesichts der Krise bei Opel allgemein und in Bochum im besonderen noch einen drauf. Denn ... er, der ja aus Prestigegründen natürlich genötigt wird, Mercedes oder Audi zu fahren, klar, geht ja nicht anders, ist "im Herzen Opel-Fahrer". Ja, das ist endlich mal eine Aussage, eine Message, die in unsere Zeit passt.  Das ist das Zeichen, dem wir folgen sollten, ohne zu zögern. Das ist die Flamme der Bewegung, die uns Jünger des Superministers fortan leiten soll. Wie wäre es mit Solidaritätsplaketten an allen Autos ? "Im Herzen Opelfahrer", dieses Motto sollte uns alle antreiben und einen, was auch immer wir fahren ... sei es nun Mercedes, BMW, Renault, Peugeot, VW, Porsche, Audi, Ford, Rolls Royce, Bentley, Ferrari, Aston Martion, Lamborghini, Lotus, Facel Vega, Bugatti, Skoda, McLaren, Wartburg, überall muß er groß und deutlich sichtbar auf den Fahrzeugen prangen ... der Sticker der Solidarität. Vielleicht könnte man sogar den Schumi dafür gewinnen, auf seinem roten Formel 1 Flitzer den Schriftzug in grossen Lettern zu plazieren. Michael Schumacher, auf grossen Plakaten abgebildet mit seinem Ferrari-Flitzer, im Hintergrund sein privater Ferrari-Fuhrpark, und dann drunter "Im Herzen Opelfahrer". Das hätte was, da werden Emotionen geweckt. Ich mein, der soll sich mal nicht so haben, man sieht ja schließlich auch oft genug auf roten, tiefergelegten und ungemein lauten Opel Corsas deutlich das springende Pferd Ferraris prangen. Man kann nicht immer nur nehmen, man muß auch mal geben ! Aber wir Jünger müssen weiterdenken, nicht immer in diesen nationalen Grenzen ... der Funke sollte nicht vor den nicht mehr vorhandenen nationalen Grenzen Halt machen, er sollte überspringen ... auch über den Kanal. Man stelle sich nur mal vor, am Heck des bordeauxfarbenen Rolls Royce der Queen würde hinten deutlich sichtbar ein 'Im Herzen Opel-Fahrer' prangen ... ok, von mir aus auch von Edmund Stoiber persönlich ins Englische übersetzt. Die haben es ja da ohnehin mit den Herzen ... Lady Di war ja auch die Prinzessin der Herzen ... die ist aber leider tot, die kann man nicht mehr fragen. Aber wie wir wissen ... sie ist nicht in einem Opel umgekommen, und da redet keiner von, das muß man eben auch mal aussprechen ... sind eben sichere Autos, wer weiß, vielleicht wäre sie dann noch am Leben, wenn sie Opel gefahren wäre.

Mein Gott, nun endlich wird es mir auch klar, ich habe Wolfgang Clement die ganze Zeit verkannt oder zumindest nicht wirklich erkannt ... wie viele andere Mit-Ureinwohner unseres Landes wohl auch ... nein, ehrlich, wir haben eine Koryphäe wie den Wolfgang Clement einfach nicht verdient. Vielleicht sollten wir ihn exportieren, sind ja eine Exportnation. Er könnte wahrlich woanders für wunderbar blühende Landschaften sorgen ... er sollte die Welt bereisen wie einst Petrus oder Paulus oder wer auch immer, ein Missionar des Wissens werden, ein Prediger der Sehenden. Und danach frieren wir ihn in Carbonit ein wie damals Han Solo in 'Das Imperium schlägt zurück', damit er der Nachwelt erhalten bleibt und im Notfall - wenn es wiedermal eng um die Zukunft unserer Welt ausschaut - aufgetaut werden kann. Vielleicht macht er ja vorher noch so ein Sammelwerk auf, wo dann jede Woche oder von mir aus auch jeden Monat ein neues Heft rauskommt, aus dem man wieder nützliches lernen kann, neue Gedanken bekommt, neue Perspektiven gewinnen kann. Dazu gibt es dann einen tollen Ringhefter und mit jeder Ausgabe immer ein schönes kleines Modellauto, so von Siku oder Matchbox ... natürlich kein Opel, weil der geneigte Leser und überzeugte Clement-Anhänger ja nur im Herzen Opelfahrer sein sollte, das muß reichen, damit es den Opelanern endlich wieder besser geht.

Hach, manchmal kann es so leicht sein, etwas richtiges zu tun ...