Samstag, 06.11.2004

"When you're black and blue with bruises
From collisions on the road
The friction grind of travelling
This is the never ending show"
(80 Days / Marillion)

"Ach, da muß ich ja auch noch hin." sagt sie leicht seufzend zu sich selbst und geht mit ihrer Einkaufstasche an mir vorbei. Sie ist 60, vielleicht auch etwas älter, vielleicht Rentnerin, es ist Samstag Mittag, alle Welt bereutet sich aufs Wochenende vor, das schon halb in der Tür steht. Seltsam, wie man manchmal im Leben den Eindruck hat, genau zu wissen, was in jemandem vorgeht, den man eigentlich gar nicht kennt, den man zum ersten Mal sieht ... nur aufgrund eines Satzes, einer Betonung, einer Geste ... weil man etwas wiedererkennt von sich selbst, eine Stimmung, ein Gefühl, das man schonmal hatte, das einem nicht unbekannt ist. In diesem Fall das seltsame Gefühl, irgendwie nicht wirklich anzukommen, nicht wirklich zur Ruhe zu kommen, immer auf dem Sprung zu sein, weil da immer noch irgendwas ist, was erledigt, getan werden muß ... egal, wie weit es nun weg ist, egal ob es heute ansteht, morgen, nächste Woche, wann auch immer, es ist im Hinterkopf. Und doch ist in diesem Augenblick alles, was man will, sich hinsetzen, die Augen schliessen, nichts sehen, nichts hören, seine Ruhe haben ... anzukommen eben ... in manchen Augenlicken reicht es, für einen Moment, für wenige Minuten oder Stunden dieses Gefühl zu haben, angekommen zu sein ... vielleicht für ein Wochenende ... aber letztlich sucht man es nicht zeitlich befristet ... letztlich möchte man irgendwie endgültig ankommen.

Aber so ist das Leben nicht ... das Leben ist kein Teich, kein See ... es ist ein Fluß ... oder von mir aus je nachdem auch ein Bach, Rinnsal oder mächtiger Strom, je nachdem, wie man sein Leben betrachtet und was man draus macht ... es ist kein stehendes Wasser, keine stehende Zeit, es ist Bewegung. Sicher, auch im Leben kann man sich ausruhen, sich eine Auszeit nehmen, sei sie kürzer oder länger, egal ... aber dadurch hört der Fluß nicht auf zu fliessen, und nur weil man sich gerademal nicht bewegt bleibt man auch nicht an der Stelle, wo man es gerade so schön findet, nein, man treibt weiter, weil da eben die Strömung des Flusses ist, der man ausgesetzt ist, ob man das nun gut findet oder nicht ... man kann Momente nicht festhalten, alles im Leben ist letztlich flüchtig ... und so seltsam es auch klingen mag, an der Stelle verharren zu wollen, wo man gerade in seinem Leben ist, zu lange die Füße hochzulegen und zu sagen "ok, so muß es sein, so bleibt es" kann in letzter Konsequenz bedeuten, irgendwohin zu kommen, wo man sicherlich nie hinwollte.

Vermutlich ist es die Kunst zu Leben zu erkennen, wann man sich die naturgegebene Strömung zu eigen machen und sich treiben lassen kann oder auch treiben lassen sollte, weil alles andere unnütze, sinnlose Kraftverschwendung wäre, und auf der anderen Seite auch zu erkennen, wann man schwimmen muß, den Kurs bestimmen und die Richtung ändern muß, um dort anzukommen, wo man hin möchte ... manchmal fliesst das Leben ruhig voran und man sieht ein Stückchen des Weges klar vor sich, hoffentlich ohne unangenehme Überraschungen, Zeit, sich zu erholen, Kräfte zu sammeln, die Aussicht zu geniessen ... manchmal tauchen Stromschnellen auf, die versuchen, einen unter Wasser zu drücken, und man muß kämpfen, die Oberhand und den Überblick zu behalten zu behalten ... vielleicht kommt man an einem Strudel vorbei, und man muß aufpassen, nicht hineinzugeraten (und nein, hiermit meine ich keinen Apfelstrudel) ... und manchmal gabelt sich der Flußlauf, und man muß eben schauen, daß man in den Teil der Gabelung kommt, in den man will, wer weiß, ob später noch eine kommt ...

Vor diesem Hintergrund bekommt das Wort "Ankommen" eine andere, endgültige Bedeutung ... das nicht vermeidbare Ende einer Reise ... aber sicherlich nicht das angestrebte Reiseziel ... "Ankommen" und "Ankommen" ... dasselbe Wort für zwei gänzlich andere Dinge ...