Samstag, 27.11.2004

"A ghost of a mist was on the field
The grey and the green together
The noise of a distant farm machine
Out of the first light came"
(Easter / Marillion)

Der Samstag beginnt damit, daß früh am Morgen beim Nachbar angefangen wird, mit der Motorsäge Bäume abzusäbeln. Ich liebe es, wenn ich einmal zumindest halbwegs ausschlafen kann, dies in einer so lustigen Geräuschkulissen tun zu müssen. Aber was solls, jammern wir nicht rum, steh ich halt auf, hab eh genug zu tun heute. Im Oktober war es mir zu früh, die Winterreifen drauf zu machen. Noch nicht kalt genug eben. Tja. Dann kam der November und es wurde kalt - zu kalt für mich, mich draußen mit dem Reifenwechsel zu beschäftigen ... bei Temperaturen um die null Grad oder sogar drunter brauch ich das nicht unbedingt. Nun haben wir fast Dezember, und nach einigen wirklich kühlen Tagen ist es fürs Wochenende was wärmer geworden ... 6 bis 7 Grad. Der Himmel ist grau, die Atmosphäre seltsam verregnet, alles irgendwie naß, ich lausche 'Easter' von Marillion, esse einen texanischen Feuertopf mit zwei Laugenstangen, dümpel nebenbei durch Ebay und freue mich auf das, was jetzt kommen wird ... raus in die spätnovemberliche Uzzligkeit, hoffen, daß es nicht zu regnen anfängt, Reserverad in rückenfreundlich gekrümmter Haltung durch die schmale Ladeluke aus dem Kofferraum fischen, den drunter befestigten Wagenheber raus, ringsum viermal den Lurch anheben, Rad runter, anderes Rad drauf, Wagen wieder runterlassen, und weiter zum nächsten. Kann man aus den Teilen irgendwie rauslesen, daß ich wirklich null Lust draufhabe ? Oder soll ich es noch mehr betonen ? Die Musik ist inzwischen umgeschwenkt auf 'Estonia', und irgendwie auch etwas passender ...

Anderthalt Stunden später habe ich mich aufgerafft und die Reifen sind gewechselt. Es hat nicht geregnet, soweit, so gut. Dafür fängt dem Tag bereits wieder an die Helligkeit verloren zu gehen ... kurz nach 16:00. Ich fahre tanken und den Reifendruck prüfen/erhöhen. Danach etwas Landstrasse, um zuhause schließlich noch mal kurz zu prüfen, ob die Radbolzen auch nach ein paar Kilometern noch gut abgezogen sind und sie gegebenenfalls nachzuziehen. Bei meiner Fahrt entdecke ich auf einer Fußgängerbrücke ein Plakat. Sicher wieder ein Protestplakat gegen irgendwas ... aber als ich schließlich nah genug dran bin, um die Schrift lesen zu können, bin ich erstaunt ... "Simone ich liebe Dich und unsere beiden tollen Kinder" steht da. Das hatte ich nicht erwartet, aber es gefällt mir. Es regt mich zum Nachdenken an. Was hat diesen Menschen dazu bewogen, das Plakat zu beschriften und aufzuhängen ? Hängt der Haussegen schief, hat der Mann irgendwas dummes gemacht, und versucht sich nun auf dieser Art zu entschuldigen ? Ist ihm vielleicht aufgefallen, daß er gerade das aus welchen Gründen auch immer zu selten sagt und versucht es seiner Frau nun auf diese Weise klarzumachen ?

Oder ist es vielleicht eine Art Willkommensgruß für die Frau, die eine Weile weg war, in Urlaub, auf Geschäftsreise, was auch immer, und den sie sehen soll, wenn sie hier wieder entlangfährt. Viele Möglichkeiten gehen mir durch den Kopf, da ist auch schon die nächste Fußgängerbrücke ... auf ihr steht ein Mann, irgendwas zwischen 30 und 40 schätze ich, mit einem Kinderwagen, drinnen ein ganz junges Kind, und daneben steht noch ein vielleicht 4 oder 5 jährigen Junge. Alle schauen in Fahrtrichtung. Gehören sie zu dem Plakat ? Werde ich gerade Zeuge einer kleinen, wirklich schönen, voradventlichen familiären Inszenierung ? Wenn ja wäre sie gar nicht so ungeschickt ... erst sieht die Frau das Plakat, wird sicherlich irgendwie gerührt sein, und gerade in dem Augenblick, wo sich die Wärme in ihrem Herzen so richtig schön entfaltet hat, sieht sie dann ihre versammelten Lieben auf der zweiten Brücke. Tja, ich werde es wohl nie erfahren. Und in Gedanken bin ich bald wieder bei den Radkappen, die ich gleich wieder in mittlerweile doch deutlicher werdender Abenddämmerung oder Dunkelheit versuchen darf, an die Stahlfelgen zu bekommen. Normalerweise wäre das kein Problem, aber da ich mir mal diese seltsamen Universalradkappen gekauft habe, notorische Querulanten in Sachen Passgenauigkeit und Montage, die offensichtlich lieber faul irgendwo rumliegen als sich auf meine Felgen hämmern zu lassen, erlebe ich jedes Jahr wundervolle Momente. Sicher, irgendwann sind sie dann auch wirklich drauf und bleiben da auchm, aber warum muß man sich als Silberfuchs in dieser seltsamen Welt eigentlich immer wieder mit solch profanen Belanglosigkeiten befassen ?