Montag, 20.12.2004

"And there won't be snow in Africa this Christmas time
The greatest gift they'll get this year is life
(Oooh) Where nothing ever grows
No rain nor rivers flow
Do they know it's Christmas time at all"
(Do they know it's christmas / Band Aid)

Stell Dir vor, Du hast Dein bestes Fields-of-the-Nephilim-T-Shirt an. Gut, es ist auch Dein einziges, aber darum geht es jetzt nicht. Stell Dir vor, Du hast es an, und keiner sieht es, weil Du einen Pulli drüber trägst. Wahres Understatement. Tja ... das wäre eigentlich ein guter Einstieg für einen Tagebucheintrag gewesen, und ich muß sagen, bis Freitag ca. 22:30 hätte ich genau diesen Eintrag auch genau so beginnen lassen. Aber dann wendete sich das Blatt und ich zog den Pullover aus. Es ist halt wie üblich, das Leben macht einem immer wieder die besten Einstiege kaputt, und das finde ich einfach nicht ok, oder - wie Helge sagen würde - "Ich prangere das an". Gut, für heute weiche ich einfach den Widrigkeiten des Lebens elegant aus und suche mir eben einen anderen passenden Einstieg - in der Hoffnung, das mir denn einer einfällt.

Der geneigte Leser hat sicher längst die Frage, was denn an besagtem Freitag war ... eine Frage, die durchaus beantwortet werden kann ... es war Weihnachtsfeier bei uns im Betrieb. Jahr für Jahr immer wieder eine schöne Veranstaltung, unterhaltsam, nahrhaft und manchmal auch (vielleicht ungewollt) nachdenklich stimmend. Das Nachdenklich-Stimmen kam bei mir dieses Mal, als ich frisch vom Büffet zum Platz zurückkam, den ganzen Teller voller erlesener Leckereien, gerade anfangen wollte und irgendwie realisierte, daß im Hintergrund gerade irgendeine Coverversion von Band Aids "Do they know it's christmas" lief. Joah, da hatte der Zufall aus den x mp3-Songs, die wohl so zur Verfügung standen, direkt mal das passende rausgesucht.

"Feed the world, feed the world, feed the world
Let them know it's Christmas time again "
(Do they know it's Christmas / Band Aid)

Angesichts der üppigen Köstlichkeiten auf dem Teller und der Möglichkeit, noch beliebig Nachschlag zu holen, wirkte das schon etwas bizarr, auch wenn vermutlich kaum einer so richtig wahrgenommen hat, was denn da im Hintergrund als Musik lief ... "Feed the world" ... da blieb bei mir irgendwie einen seltsamen Beigeschmack à la "Feed the world, joah, und bei uns fangen wir an" ... mit einer gesunden Prise makabrer Selbstironie. Und so wandte ich mich als erstes den drei frikadellengrossen Rösti zu. Der Anblick von Röstis hatte mich schon am Büffet zu Begeisterungsstürmen hingerissen ... schließlich hab ich die Teile als Kind sehr gerne gegessen. Bislang wusste ich aber nicht, was es für ein Erlebnis sein kann, Rösti zu essen - oder auch, es nur in essbare Portionen zu zerteilen. Gabel das Rösti sichernd abgesetzt, Messer bereit zu Schneiden, uppsa, unerwartet harter Widerstand, naja, dann eben was mehr Krafteinsatz, *Crunsch* ... wo eben noch eine Ecke des leckeren Rösti und der Gabel vermutet wurde, tat sich nun Leere auf ... zu gleichen Teilen geschockt und peinlich berührt schaue ich mich um, ob es in meiner Nähe durch exposionsartig verteilten Rösti-Miniatur-Schrapnell verletzte Kollegen gibt. Ich atmete auf, offensichtlich nicht ... vielleicht hatte ja auch der ein oder andere in weiser Voraussicht eine Kevlar-Weste angezogen, man weiß es nicht, von der reinen Körperform kann man sowas manchmal nur schwer ableiten. Aber die Erleichterung währte nicht lang, im Gegenteil, die Situation spitzte sich mehr und mehr zu ... immerhin hatte ich mir - wie oben bereits erwähnt - in grosser Vorfreude - gleich drei Teile dieser Spassbringer auf den Teller getan, was zweifelsohne ein Fehler gewesen sein könnte, ich geb es offen zu, und ich war auch nicht der einzige am Tisch, der mit Röstis vom Büffet zurückgekehrt war. So wurde um mich rum nun erst lustig und dann - nach den ersten Erfahrungen - weitaus vorsichtiger ans Werk gegangen.

Spontan musste ich daran denken, daß ich bei den Holzschwertkämpfen mit Adrian aus gutem Grund immer eine Schutzbrille getragen hattee ... Holzsplitter sind schließlich nicht unbedingt als natürliche Bestandteile des menschlichen Auges anzusehen. Noch warme Rösti-Splitter sind es aber vermutlich noch viel weniger. Wie soll man das bitte einem Arzt in der Notaufnahme der Unfall-Chirugie erklären ? Junge Gesichter, grausam entstellt durch die Einwirkung frisch gebratener Pfannen-Splitter-Rösti ... immerhin haben wir in erreichbarer Nähe genügend Krankenhäuser, um im Ernstfall auch grosse Teile der Belegschaft schnell und gut versorgen zu können ... sofern sie angesichts der möglichen Verletzungen überhaupt transportfähig wären ... die Verletzten natürlich, nicht die Krankenhäuser ... Krankenhäuser sind nur in den seltensten Fällen transportfähig. "Feed the world, let them know it's christmas time" ... und noch eine neue Assoziation, die der schöne Text an diesem Abend hervorbrachte ... so eine Art schweizer Ansatz halt ... wie kann ein so friedlebendes, neutrales Volk etwas so gefährliches erfunden haben ? Original Schweizer Rösti, eine der gefährlichsten frisch aus Kartoffeln zubereiteten Substanzen, die der Mensch kennt ? Halb in Gedanken wich ich intuitiv einem von rechts kommenden Querschläger aus, der sich dann hinter mir tief in die Wand bohrte, und wischte mir etwas Schweiß von der Stirn ... nochmal Glück gehabt ... naja, ok, etwas Übertreibung muß mir schon zugestanden werden ;-).

Gut, daß keine Leute aus der Rüstungsbranche zur Feier geladen waren, denke ich mir heute, die wären nur auf dumme Ideen gekommen ... obwohl, angesichts dieser Qualitätsmunition könnten die Amerikaner endlich aufhören, abgereichertes Uran zur Panzerbekämpfung zu verfeuern und sich Jahre später zu wundern, warum plötzlich so ziemlich jeder, der mittelbar oder unmittelbar mit dem Zeug in Berührung kam, zwischenzeitlich erkrankt ist ... mal ganz abgesehen von der Bevölkerung, die da ja auch irgendwie wohnen bleiben muß. Ich denke sogar, daß sich gut zubereitete Röstis - entsprechendes Spezialfett vorausgesetzt - aufgrund ihrer ungewöhnlich hohen Dichte als Hochgeschwindigkeitsgeschosse noch deutlich besser zur Bekämpfung gepanzerter Ziele eignen ... und das ohne Langzeitfolgen wie eine Verzehnfachung der Krebserkrankungen in der Gegend. Da sind wir Europäer den Amis doch glatt wiedermal eine Nase voraus, und ich muß an den netten Schweizer aus der Ricola-Werbung denken ... "Wer hat's gemacht ?" "Die Schweizer. Von Ricola" ;-). Vom Einsatz etwaiger Cluster-Röstis würde ich grundsätzlich absehen ... sie würden schnell zu den international geächteten Waffen gehören ... mal ehrlich, allein der Gedanke an sowas gehört schon geächtet ... nicht, daß das den ein oder anderen davon abhalten würde, sie zu verwenden ... notfalls gibt man dem Zeux einfach einen anderen Namen und schon ist die Sache gegessen. Irgendein plausibler Grund zum Einsatz wird sich eh finden lassen, wie wir Menschen in der Vergangenheit in einer Vielzahl von Fällen bewiesen haben.

Die letzten Zeilen des Eintrags sollen den geistig und vor allem sozial minderbemittelten Leuten gewidmet sein, die es auch in diesem Jahr wieder geschafft haben, den Weihnachtsbaum draußen auf dem Firmengelände zu demolieren und die feierlich als Geschenk verpackten, aber logischerweise völlig leeren und wertlosen Pappkartons runterzureissen und nebenbei noch die Beleuchtung zu ruinieren ... sowas zählt eindeutig zu den Dingen, die ich nichtmal ansatzweise verstehe, so leid es mir auch tut ... aber mittlerweile bin ich in einem Lebensabschnitt angekommen, in dem ich weiß, daß ich nicht alles zu verstehen brauch. Nur so als kleiner Ausblick auf zukünftige Entwicklungen, es gibt bereits Überlegungen, im nächsten Jahr Röstis mit unter dem Geschenkpapier versteckten Kontaktzündern in die Kartons zu packen ... wundervoll, wie vielseitig sich diese dehydrierten Pseudo-Reibekuchen doch einsetzen lassen ... selbst als kleine Friedensbringer für eine besonders muntere Bescherung ;-).

Die allerletzten Zeilen des Eintrags lenken dann den Blick nochmal auf etwas besinnliches ... nämlich auf eins der schönsten Weihnachtslieder, die ich kenne. Vielleicht kennt es ja der ein oder andere, es handelt sich um

Fairytale of New York (The Pogues)

Eine schöne Momentaufnahme eines Paares, das irgendwie gescheitert ist ... sie Tänzerin oder Sängerin, wer weiß es schon, er vermutlich der Manager, eine kleine Ewigkeit zusammen, und von den einst grossen Träumen vom Erfolg am Broadway ist nicht viel geblieben. Ein schönes Duett, bei dem die Frauenstimme übrigens zu Kirsty MacColl gehört ... eine irgendwie anrührige, tragische Geschichte, dazu eine Ansammlung von gegenseitigen Vorwürfen und Beschimpfungen ... ein Lied, das mich immer wieder zum Schmunzeln bringt und gleichsam eine seltsame Gefühlsdichte und Wärme trägt ... dieses Bild des gemeinsam gegangenen Weges, vom Schicksal und der Hoffnung zusammengehalten und gemeinsam gealtert, ohne dem gesetzten Ziel wirklich nahe gekommen zu sein ... gemeinsam gescheitert, Träume, irgendwie untergegangen, und dennoch immer noch präsent ...

"I could have been someone
Well so could anyone
You took my dreams from me
When I first found you

I kept them with me babe

I put them with my own
Can't make it all alone
I've built my dreams around you"
(Fairytale of New York / The Pogues)

Wir Menschen denken so oft an das, was wir nicht haben, während das, was wir haben, für uns selbstverständlich ist ... bist wir es irgendwann nicht mehr haben ...

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern eine frohe und besinnliche Weihnacht ...