Montag, 03.01.2005

"A man is placed upon the steps, a baby cries
And high above the church bells start to ring
And as the heaviness the body
Oh the heaviness settles in
Somewhere you can hear a mother sing ...

Then it's one foot the other
As you step out onto the road
How much weight ? How much weight ?
Then it's how long ? And how far ?
And how many times before it's too late ?
(Calling all Angels / Jane Sibbery)

Der Bundeskanzler sagt auf einer Pressekonferenz, daß sich die Zahl der deutschen Toten erhöht hat. Auf 60. Oder waren es 65 ? 60 Menschenleben, 60 einzelne Schicksale. Ich schlucke. Fast ist mir diese Pressekonferenz peinlich ... wir sprechen von 60 Toten ... und Minuten vorher war die Rede von 150.000 Toten, und mehr. 150.000 Menschenleben, 150.000 einzelne Schicksale. Angesichts dieser grausamen, unfassbaren Zahl von Opfern erscheint es mir fast makaber, 60 herauszunehmen ... es kommt mir vor, als würde jemand, der bei einem Eisenbahnunglück seine rechte Hand verloren hätte, vor laufender Kamera darüber klagen, während im Hintergrund für den Zuschauer deutlich erkennbar unzählige andere Opfer in Leichensäcke gepackt würden. Ein bissiger Gedanke, ich weiß. Vielleicht auch ein unpassender. Aber ist es in solchen Tagen und angesichts einer solchen Katastrophe passend, nach Nationen, Hautfarben, Sprache oder irgendetwas anderem zu unterscheiden ? Warum sagt man angesichts einer solchen Zahl von Opfern nicht "Wir - als Menschheit - haben 150.000 von uns verloren" ... macht es wirklich einen Unterschied, ob es ein Deutscher, Engläner, Amerikaner, Inder, Thai oder irgendein anderer war ? Spielt es eine Rolle, ob Menschen hier trauern oder woanders ?

Die Welt rückt in diesen Tagen näher zusammen sagen sie. Das alte Jahr endete mit der grössten Katastrophe, die die Menscheit seit langer Zeit erlebt hat. Das neue Jahr kann mit der grössten Hilfsmaßnahme beginnen, die Menschen seit langem (oder jemals ?) füreinander durchgeführt haben. Versöhnlich klingende, hoffnungsvolle Worte in der Silvesternacht.

Im Fernsehen sah ich gestern eine Hilfslieferung, die ihr Ziel erreichte. Es waren Pfannen. Eine Frau meinte, sie braucht keine Pfannen. Sie braucht Nahrung, sie braucht Wasser. Sie findet nirgendwo Trinkwasser. Sie sagt, in den Touristenzentren gäbe es Pumpen ... hier nicht. Ein Mann klagt die örtliche Regierung an, sie würde den Touristen und Ausländern zuerst helfen, die Einheimischen kämen erst danach, würden vernachlässigt. Er fühlt sich verlassen. Während in den Touristenzentren Bagger und zahlreiche Hilfskräfte im Einsatz sind, sucht er mit einem Nachbarn zusammen mit blossen Händen in den Trümmern seiner Hütte nach den Leichen seiner Angehörigen. Der Nachbar findet eine Brille.

Ein Arzt von den "Ärzten ohne Grenzen" beklagt, daß er seit Tagen bereit wäre, zu helfen, aber die Regierung den Zugang zu zwei kleinen, vermutlich völlig verwüsteten Inseln nicht gestattet. Weil sie strategisch wichtig sind, weil es dort auch Militär- und Geheimdienstbasen gibt. Sie sind offenkundig wichtiger als die Versorgung der Menschen dort ...

In einem anderen von Bürgerkrieg zerrütteten Land reichen sich nichtmal jetzt Regierung und Rebellen die Hände, um sich gemeinsam um das zu kümmern, was wichtig ist ... die Opfer, die Menschen, die dringend versorgt und unterstützt werden müssen ...

Einzelfälle ? Randgebiete ? Ich weiß es nicht, ich bin nicht da. Es fällt leicht, aus der Sicherheit seiner unverschonten vier Wände etwas dazu zu schreiben. Fällt es wirklich leicht ?

"Die Welt rückt in diesen Tagen näher zusammen" sagen sie. Das Gesehene lässt mich nachdenken. Alles eine Frage der Prioritäten ? Eine Frage des Abwägens ? Eine Frage, wer mehr wert ist als ein anderer ? Hilfsmaßnahmen zuerst für unsere Leute, dann erst für die anderen, die wirklich alles verloren haben ? Hilfsmaßnahmen unter Abwägung zukünftiger wirtschaftlicher Aspekte ? Ja nicht die Touristen vergraulen ? Hilfsmaßnahmen nur unter strategisch vertretbaren Gesichtspunkten ? Hilfsmaßnahmen nur, wenn man dadurch keine Position der Stärke verliert ? Wie kann die Welt näher zusammenrücken, wenn wir Menschen stets in so banal kleinlichen Dimensionen denken ?

Lachend kommen sie aus dem Wasser. Reden von einem phantastischen Tauchgang, von einer traumhaften Fischwelt, von Erholung und schwerverdientem Urlaub. Sie können eh nichts daran ändern, eine Abreise hätte nichts geändert. Die lokale Regierung fordert dazu auf, weiter Urlaub zu machen, ihn zu geniessen. Als wäre nichts geschehen. Ein paar Kilometer weiter suchen sie nach Leichen, die immer schwerer zu identifizieren sind. Das Leben geht weiter, die Insel lebt vom Tourismus ... auf einen Einheimischen kamen bislang 5 Urlauber ...

In den betroffenen Ländern gab es keine offiziellen Silvesterfeiern ... in unverschonten Hotels wurde dennoch ausgiebig gefeiert wurde ... dort erinnerten nur ein paar Leute mit Sammelbüchsen an das, was ein paar Kilometer weiter los war. Wie verschieden doch die Leute sind. Die einen feiern, andere reisen ab, und wieder andere bleiben und helfen in dem begrenzten Maße, in dem sie helfen können ...

Ein seltsamer Spagat alles ... ist es richtig unter diesen Umständen zu feiern ? Ist es falsch ? Ist es irgendwo vielleicht beides ? Spielt es eine Rolle ob man feiert ? Hilft man jemandem, indem man nicht feiert ? Diese Fragen erinnern mich daran, als vor fast vierzehn Jahren Operation Desert Storm anlief, der erste Golfkrieg ... damals wurde der Karneval hierzulande abgesagt, nunja, jedenfalls der ein oder andere Rosenmontagszug oder auch alle, ich weiß es nicht mehr ... aber vielleicht brauchen wir modernen Deutschen inzwischen eine amerikanische Beteiligung an den Vorgängen, um klare Antworten unsererseits zu finden ...

"Die Welt rückt in diesen Tagen näher zusammen" sagen sie. Ist es so ? Wie nah kann man wirklich zusammenrücken, wenn man immer nur in einem kleinlichen 'Wir' und 'die anderen' denkt ? Wie nahe könnte man zusammenrücken, wenn man nur noch in einem großen 'Wir' denkt ? Wenn es statt dem 'Wir helfen ihnen' hiesse 'Wir helfen uns' ? Wie könnte Hilfe aussehen, wenn wir einmal begreifen würden, daß wir vielleicht doch nicht so wahllos teilbar sind wie wir es so oft unbewusst tun ?

In diesem Sinne wünsche ich den Lesern dieses Tagebuchs ein frohes neues Jahr ...

"We're tryin'
We're hopin'
We're hurtin'
We're lovin'
We're cryin'
We're callin'
'Cause we're not sure how this goes ..."
(Calling all Angels / Jane Siberry)