Mittwoch, 07.09.2005

"I'm heading north I'm heading home
Doing 125
I close my eyes and count to ten
Ha Ha Yeah I'm still alive
Perfect Perfect tunnel vision
Razor sharp and racing racing
These moments, immortal ..."
(125 mph / New Model Army)

15:00, A46, irgendwo ein paar Kilometer vor Neuss ... eben noch schön flüssig und zügig unterwegs kommt nun das, was ich in diesem Augenblick vielleicht am wenigsten brauchen kann ... es wird langsamer, plötzlich sehr geringe Abstände und dann das altbekannte Warnblinklicht der Vorgänger ... kurz gesagt: Stau. Also auch Warnblinklicht gesetzt und nunja, warten wir es halt ab, wird schon nicht ewig dauern. Eigentlich muß ich um 15:30 in Essen sein. Zum Glück gibt es in der heutigen Zeit Handys und man kann sagen, daß es später wird, alles halb so wild. Aber es ist kein Stau wie ich ihn sonst kenne, nicht der typische zäh- bis sehr zähflüssigen Baustellenstau. Es ist kompletter Stillstand, es wird Platz gemacht, damit zwischen den Spuren jemand durchkommen kann ... Rettungsfahrzeuge. Etwas ernstes also. Um mich rum steigen nach und nach fast alle aus um zu schauen, was los ist. Es dauert nicht lange, und ein Rettungswagen rast mit Blaulicht und Martinhshorn vorbei, danach ein Notarztwagen ... und ein klein wenig dahinter die Autobahnpolizei, die erst von der entgegengesetzten Fahrbahn kommen musste.

Interessant, was Leute so alles bei sich haben ... da guckt jemand mit der Fernglas, was es denn so zu sehen gibt, ein anderer packt seine Digitalkamera aus, die ja immerhin auch einen guten Zoom hat. Etwas weiter vorne, vielleicht 200 oder 300 Meter, hat sich ein LKW quergestellt, ist wohl gegen eine Mautbrücke geprallt und dann gegen die linke Leitplanke, und nach dem, was man so hört, ist er bis leicht in die entgegengesetzte Fahrbahn rein. Genaueres sehe ich nicht. "Da hatte wohl jemand was gegen die Maut" witzelt einer. 34 Grad Aussentemperatur, es ist heiß, und ein seltsames Gefühl macht sich breit, fast etwas wie Zeitlosigkeit in dem ganzen täglichen Stress ... auf der entgegengesetzten Fahrbahn schiessen sie mit 130, 150 oder wie schnell auch immer vorbei, während hier alles steht und ruht, die Leute ausgestiegen sind, an ihren Fahrzeugen lehnen oder sich auf die Leitplanken gesetzt haben ... der Vertreter vor mir holt sich irgendwas zu trinken aus dem Kofferraum seines Volvos ... ich denke bei mir, daß ich doch auch etwas hätte mitnehme sollen. "Eine Stunde Fahrt" hatte ich mir gedacht, "da brauch ich nichts". War wohl ein Irrtum. Irgendwer steigt auf die Leitplanke links neben mir, ich steige auch aus ... tatsächlich kann man auch mit blossem Auge genug sehen. Jemand ruft von hinten einen Namen, weiter vorne dreht sich jemand um, und dann werden fleissig Hände geschüttelt ... zufälliges Wiedersehen im Stau.

Ein weiterer Rettungswagen fährt vorbei Richtung Unfallstelle, dann noch ein Polizeiwagen und dann irgendein dunkelgraues Zivil-Fahrzeug mit aufgesetztem blauen Blinklicht. "Das wird länger dauern" denke ich mir. Und ich überlege so bei mir, was man groß machen kann, wenn plötzlich ein LKW von der rechten Spur rüberzieht und sich irgendwo verkeilt, verhakt, beide Fahrspuren ausfüllt und man gerade am Überholen ist und mit 150 oder mehr von hinten ankommt. Was kann man tun ? Ein Abschleppwagen kommt vorbei, etwas später ein zweiter, deutlich wuchtigerer. Der Mann mit dem Fernglas guckt wieder und witzelt, daß das das intelligenteste ist, was man machen kann ... den Abschleppwachen mit orangem Blinklicht in die Mitte der Fahrbahn stellen , damit nur auch ja jeder sieht, daß etwas passiert ist.

Nach etwa einer Stunde geht es dann so überraschend schnell weiter, wie es zum Stillstand kam. Irgendjemand kommt von vorne zurück, jemand fragt "Und ?" und der jemand meint "Geht gleich weiter" ... tatsächlich sind binnen weniger Sekunden alle wieder eingestiegen und man ist wieder in Bewegung, fast als wäre nichts passiert. Noch sehr gemächlich, mit vielleicht 20 oder 30 km/h, geht es dann voran, vorbei an der Unfallstelle ... ich sehe den LKW, ein robuster Sattelschlepper, der vorne deutlich beschädigt ausschaut, aber nach meinem Eindruck hält es sich noch in Grenzen, ich hatte schlimmeres befürchtet ... ein Auto dahinter hatte wohl entscheidend weniger Glück ... es ist vorne derart zusammengedrückt, daß ich intuitiv schlucken muß ... genau das, worüber ich vor ein paar Minuten nachgedacht habe ... was will man machen, wenn man dahinter ist, wenn so etwas passiert ? Wohin will man ausweichen ?

"Es war kein Hubschrauber da, vielleicht sieht es doch schlimmer aus als es ist ?" denke ich mir, während alles wieder beschleunigt, vielleicht etwas schneller fährt als vorher, um wieder ein wenig Zeit einzuholen. Ich bleibe seltsam still. Was wäre gewesen, wenn ich eine Minute früher losgefahren wäre ? Was wäre gewesen, wenn ich derjenige dahinter gewesen wäre ?