Montag, 23.10.2005

"Joseph's face was black as night
And the pale yellow moon shone in his eyes

His path was marked

By the stars in the Southern Hemisphere
And he walked his days
Under African skies"
(Under African Skies / Paul Simon)

20:48, irgendwo auf der Rückfahrt vom Krankenhaus Marienhöhe. Es ist dunkel, es regnet, die Scheibenwischer arbeiten, es läuft Paul Simon, "Under African skies". Seltsam, ich weiß nicht warum, nicht einmal ansatzweise, aber in diesem Augenblick finde ich es passend. Ich bin ruhig, nachdenklich, vielleicht auch etwas erleichtert. Ich denke bei mir, wie verdammt glücklich wir doch bei all dem Unmut über unser vermeintlich verfallendes, am Abgrund stehendes Deutschland sein können, hier zu wohnen und zu leben. Es ist nicht selbstverständlich, irgendwo anrufen zu können, wenn Not ist ... es ist nicht selbstverständlich, daß da am anderen Ende jemand sitzt, der sich anhört, wie ein merklich aufgeregter Mensch einen Notfall schildert ... es ist nicht selbstverständlich, daß bereits wenige Minuten später, vielleicht fünf, vielleicht sechs, ein Krankenwagen mit Blaulicht um die Ecke biegt, mit zwei Sanitätern von der Feuerwehr, die sich um einen Menschen kümmern, der einem ein Leben lang ans Herz gewachsen ist, der nun so bleich, so kalt und so wackelig kraftlos dasitzt, daß man nicht sicher ist, ob er die nächste Stunde überlebt. Es ist nicht selbstverständlich, daß jemand, der die Hilfe braucht, auf dem schnellsten Wege ins Krankenhaus gefahren wird, um dort näher untersucht und versorgt zu werden. Am Altern kommt niemand von uns vorbei ... aber hautnah zu spüren, wie von einem Moment auf den nächsten schonungslos die schöne Friede-Freude-Eierkuchen-Maske fällt, die man manchmal seiner Umgebung überstülpt, und man mit einem Mal sieht, was Alter bedeutet, daß der menschliche Körper nicht auf ewiges Leben ausgerichtet ist, und was es heisst, über 75 Jahre alt zu sein und dennoch jeden Tag seinen Teil zu machen und aktiv am Leben teilzuhaben. Hautnah zu spüren, wie eng Leben und Tod doch eigentlich beieinander sind, und was es eigentlich bedeutet, alt zu sein, das lässt einen nicht kalt. Es ist die schiere Ohnmacht, die einem die Tränen in die Augen treibt, und die nackte Angst davor, was passieren kann, die nackte Angst davor, diesen jemand nun plötzlich zu verlieren.

Wir reden viel über die "Du bist Deutschland"-Werbung in diesen Tagen. Vielleicht auch darüber, wer dort versucht, die Bevölkerung zu motivieren ... und das man vielleicht beim ein oder anderen denkt "Hey, Du hast gut reden, Du hast Deine Schäfchen doch im trockenen". Mag sein, mag nicht sein, ich weiß es nicht. Ich für meinen Teil denke mir, daß diese beiden Sanitäter sicher nicht zu den Großverdienern zählen ... ich weiß nicht, wieviel sie täglich sehen oder wie vielen sie auf irgendeine Art und Weise helfen. Aber ich denke, es ist seelisch wie körperlich ein Knochenjob. Sie lassen es sich nicht anmerken. Sie sind freundlich, geduldig, machen ihre Arbeit, schnell und präzise. Es ist vermutlich selbstverständlich für sie, was sie da machen ... ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, daß mich dieser Abend sehr beeindruckt hat. Vielleicht haben diese beiden an diesem Abend ein wenig das gezeigt, was uns der oben erwähnte Werbespot täglich versucht, beizubringen ... vielleicht ist es dieses unspektakuläre Anpacken, ohne es groß an die Glocke zu hängen. Vielleicht ist es einfach dieses kleine bißchen Menschlichkeit-einfliessen-zu-lassen, das man manchmal in dieser schnelllebigen Zeit vermisst. Es mag seltsam klingen, aber diese beiden haben mir mehr "Du bist Deutschland" gezeigt als Günter Jauch es jemals kann.

Jetzt, wo ich im Auto sitze, weiß ich, daß ihr Zustand stabil ist und sie auf dem Wege der Besserung ist. Ich habe ihr ein paar Sachen gebracht, die sie braucht, sie ist noch etwas kraftlos, aber es geht, keine Gefahr mehr. Die Ärzte behalten sie erst einmal da, wollen sie erst gehen lassen, wenn sie sie eingehend untersucht und durchgecheckt haben. Ein seltsam intensives Gefühl macht sich in mir breit ... ein seltsames Mischmasch, warm, nicht näher einzuordnen, eine leise, stumme Dankbarkeit. Die Scheibenwischer wischen die frisch gefallenen Regentropfen von der Scheibe ... "And he walked his days under african Skies" ...