Dienstag, 05.09.2006

"Well baby how the weeks fade
Baby was the best part of your youth a sensation
Yeah that's a change"
(Renée / Talk Talk)

86 Jahre alt ist sie. 10 Jahre älter als meine Mutter. Seit 40 Jahren haben sich die beiden nicht gesehen. Heute ist es endlich soweit. Vielleicht ein letztes Mal ... wer weiß es schon. Wir sitzen zu dritt im Wohnzimmer. Ihre Wohnung ist nicht groß, aber tiptop in Ordnung, sauber, aufgeräumt, mit bescheidenen Mitteln angenehm wohnlich eingerichtet.

Ich lasse die beiden erzählen, höre nur zu, schaue mich um, versuche, zu verstehen, denke nach. Sie kommen aus demselben Dorf in Oberschlesien, beide Familien hatten Bauernhöfe dort. Erinnerungen an die Kindheit und Jugend auf dem Land. Eine andere Welt, ein anderes Leben ... irgendwie. Der Krieg veränderte alles ... auch für sie. Die hastige Flucht vor der nahenden Front, nach Kriegsende warten, aber letztlich keine Chance, den Hof zurückzubekommen. Wie muss es wohl sein, alles zu verlieren ... oder fast alles, bis auf das wichtigste, das eigene Leben? Wie muss es sein, ein paar Habseligkeiten zu packen, ein paar Pferde, die den Wagen ziehen, und alles stehenzulassen, was bis dahin das Zuhause war? Wie muss es sein, wenn einem auf der Flucht auch von diesen wenigen Habseligkeiten immer noch etwas genommen wird? Wie muss es sein, alles zurückzulassen und irgendwo ganz von vorne neu anfangen zu müssen, ganz unten, bei null? Für diejenigen, die noch jung waren, wie meine Mutter und diese Frau, ging es vermutlich irgendwie. Sicher, es geht immer irgendwie weiter. Für die Eltern, für die Großeltern, die sich etwas aufgebaut hatten, die in ihrem Leben bereits "angekommen" waren, war es wohl eine ganze Ecke schwerer ...

Das alles ist lange her, sicher. 60 lange Jahre. Die Welt hat sich geändert, Europa hat sich geändert, der Besitz ist verloren, das muss man akzeptieren, Deutschland hat den Krieg damals begonnen und die gerissenen Wunden müssen endlich heilen. Aber die Wunden, die diese Zeit gerissen hat, sind zahlreich und vielfältig. Es geht einem leicht über die Lippen, dass man die Folgen des Krieges zu akzeptieren hat, wenn man selbst nicht betroffen war, wenn man es nicht erlebt hat. Aber wenn es jemand akzeptiert, der es erlebt hat, der es durchgemacht hat, wenn jemand darüber reden und davon erzählen kann, ohne nachzukarten, obwohl man deutlich spürt, dass es auch nach all den Jahren noch weh tut, noch schmerzt, das auf der Flucht Erlebte letztlich immer noch präsent ist, dann ist das etwas, was für mein Empfinden großen Respekt verdient. Man sollte das Vergangene nicht einfach ruhen lassen, nicht, wenn es um einen Krieg geht, nicht, wenn wir aus Vergangenem lernen wollen. Es ist wichtig, daran erinnert zu werden, damit wir nie vergessen, warum wir um jeden Preis verhindern müssen, dass sich etwas derartiges wiederholt. Wenngleich auch dies bestenfalls ein frommer Gedanke ist. Die Welt hat sich geändert? Mitnichten ... man braucht sich nur umzuschauen, die Nachrichten eines Jahres zu verfolgen ... die gleichen Kriege, das gleiche Dahingeschlachte, nur an anderen Orten ... Massengräber, verbrannte Erde, Menschen auf der Flucht ... warum? Liegt genau das ganz einfach in der Natur des Menschen? Ist es unabänderlich?

Sie bekommt nicht viel Rente. Dennoch hat sie für uns gekocht, reichlich. Es gibt Rouladen, gefüllt mit etwas Schinken, Speck und Gurke, dazu Kartoffeln und Rotkohl. Von allem ist genug da, genügend für nochmal so viele Personen. "Nehmt reichlich" sagt sie - was übrig bleibt, wird sie sich in den nächsten Tagen zu Mittag warm machen. Danach gibt es noch Eis von Langnese, später dann Kaffee und Kekse dazu. Nein, sie hat nicht gespart.

Mit einem Lächeln erzählt sie, dass es vermutlich ein paar Tage dauern würde, bis jemand es merken würde, wenn sie in ihrer Wohnung umfällt. Davor hat sie Angst. Sie hat etwas Kontakt zu den Nachbarn, nicht wirklich viel, so ist es eben üblich in den Wohnhochhäusern unserer Zeit. Auch die Tochter ihres früheren, mittlerweile verstorbenen Lebenspartners, den sie erst spät kennenlernte, schaut noch regelmäßig rein. Wenn irgendwas ist, hat sie jemanden, den sie anrufen kann, das ist viel wert. Dennoch ... die meiste Zeit ist sie alleine. Letztes Jahr Anfang Dezember ging ihr Fernseher kaputt - ein Schock für sie, so kurz vor Weihnachten. Glücklicherweise war ein Bekannter dann noch schnell mit ihr einen neuen kaufen gegangen. Weihnachten ohne Fernseher ... das wäre sehr einsam geworden, so höre ich es mehr oder weniger offen zwischen den Zeilen raus. Früher fuhr sie oft mit dem Bus in die Stadt, heute wird ihr das langsam immer beschwerlicher. Einkaufen muss sie dennoch selbst. Früher hat der Frischemarkt in der Nähe Waren auf Wunsch frei Haus geliefert, aber das hat er inzwischen eingestellt - es rentierte sich für ihn nicht.

Alle zwei Wochen putzt die die Treppe. Das fällt ihr am schwersten. Aber sie macht es, und sie macht es gewissenhaft, gründlich. Mit einem Schmunzeln redet sie von einer deutlich jüngeren Nachbarin, die immer nur mit kurz und oberflächlich mit dem Wischmopp über die Stufen geht. Sowas ist nicht ihre Sache, auch nicht jetzt, wo sie 86 ist. Sie hat ihren Stolz, ihre Würde, ihre ganz eigene, innere Stärke.

Ich bin seltsam ruhig auf der Heimfahrt, nachdenklich. Die vergangenen Stunden sind mir nahe gegangen, das, was ich gesehen und gehört habe, hat mich berührt, es beschäftigt mich. Unsere Gesellschaft wird immer älter, wir hören es ständig. Aber was es wirklich bedeutet, alt zu werden, alt zu sein, das erahnt man nur ... und wie einsam häufig die letzten Jahre verbracht werden und ein Leben ausklingt. Soziale Gerechtigkeit ... bei uns irgendwie immer nur ein Thema, wenn es um materielle Belange, ums Geld geht. Was Aufmerksamkeit, Interesse, Dasein anbelangt - in diesem Zusammenhang ist soziale Gerechtigkeit ein Fremdwort. In letzter Zeit fallen mir häufig alte Menschen auf. Ich weiß nicht, ob es heute mehr sind als vor ein paar Jahren. Vielleicht fallen sie mir so deutlich auf, weil meine Eltern inzwischen auch in diesem Alter sind. Alle haben sie viele Jahre hinter sich ... ein gelebtes Leben, das sich langsam seinem Ende nähert. Viele Erinnerungen, viele Erfahrungen, viele Geschichten, manche vielleicht noch nie erzählt. Dieser Tag hat mir gezeigt, dass nur, weil man jemanden ein ganzes Leben lang kennt, man dennoch nicht alles über ihn wissen muss, und er einem längst nicht alles erzählt haben muss, auch wenn man das vielleicht denkt. Wie viele Geschichten mögen es sein, die irgendwo vergessen werden, unerzählt bleiben, für die sich niemand mehr interessiert, obwohl sie alles andere sind als belanglos und unrelevant? Vielleicht wäre diese Welt etwas besser, wenn wir ein etwas offeneres Ohr hätten in diesen schnelllebigen Zeiten, gerade, was ältere Menschen anbelangt ... wenn wir einfach auf sie zugehen und ihnen zuhören würden.

Vielleicht könnten wir etwas lernen ...

"Renée Renée Renée Renée
Baby how the weeks fade
Baby how the streets change
Renée Renée Renée Renée
Baby how the weeks fade

And maybe when the cheat plays

Maybe when the ace falls from his suit
And he tells you
'Yeah that's the game, I didn't want to lose it on the two'
You're playing his way
But the prize that you've been losing was youth
And I say
'Throw the ace and face up to the truth'"
(Renée / Talk Talk)