Samstag, 24.02.2006

Manchmal kommt es vor, dass ich etwas aufschreibe, um es später ins Tagebuch zu stellen ... noch nicht ganz fertig, ein kleiner Restschliff fehlt dann, den ich irgendwann anders machen will. Tja ... im vorliegenden Fall dauerte es einen ganzen Monat, bis ich mir die Zeit dazu genommen habe ...

"Hello, is it me you're looking for?

I can see it in your eyes
I can see it in your smile"
(Hello / Lionel Richie)

"Sing doch mal bitte mit was mehr Gefühl" sagt Eva. Dabei tu ich das doch. Wirklich. Wer würde bei "Hello" von Lionel Richie nicht mit Gefühl singen? Gut, ich muss zugeben, dass der bisherige Genuß an toscanischem Rotwein sich mit fortschreitender Zeit zu einem Handicap bei der Stimmgestaltung entwickeln könnte.

"Ich singe das schon mal." sagt sie. "schon mal" im Sinne von "öfters". Glaub ich ihr. Ich sing es nicht "schon mal", und schonmal gar nicht öfters. Sie merkt das. Ehrlich gesagt hab ich es in den 80ern sicherlich oft genug gehört, aber ich kann mich nicht dran erinnern, es überhaupt mal gesungen zu haben. Nicht wirklich. Es spielt keine Rolle.

Viel lieber würde ich "Mendocino" singen. Von Michael Holm. "Mendocino, Mendocino, ich fahre jeden Tag nach Mendocino". Da denke ich an die guten alten Clint-Eastwood-Western-Dokumentationen mit dem leicht italienischen Touch, da denke ich an Staub, schmutzige, braune Stiefel mit Sporen, den umgeschnallten 45er Colt Peacemaker, lange Duster-Mäntel und diese tollen, ausgetrockneten, entwurzelten Dornenbüschen, die restlos lustlos und dennoch spannungserhöhend durchs Bild geweht kommen ... vorzugsweise von rechts nach links. Aber das ist alles ein ganz anderes Thema. "Tausend Träume bleiben ungeträumt ..."

Angefangen hat alles mit diesem seltsamen "Deutschland sucht den Superstar". Wer genau ihn sucht? Keine Ahnung, ich jedenfalls nicht, soviel weiß ich. Dieter Bohlen glaub ich. Und ein paar Gleichgesinnte. Oder auch nicht. Wer weiß das schon genau? Irgendwie erinnert mich der Titel immer an Asterix. "Ganz Deutschland sucht den Superstar. Ganz Deutschland? Nein, ein kleines gallisches Dorf nahe der Grenze zu Holland und Belgien leistet Widerstand"

In dieser geselligen Veranstaltung wurde wenige Minuten zuvor eben jener Titel Lionel Richies von einem der angehenden Vielleicht-Superstars dargebracht. "Das singen wir auch nachher!" hatte Eva noch gesagt. "Ohja" hatte ich mir gedacht, mir noch nicht gänzlich sicher, ob ich das nun für eine gute Idee halten sollte oder nicht.

"Hello, is it me you're looking for?" sang der angehende Jungstar.
Und ich dachte so bei mir "Naja, sorry Du, ehrlich gesagt eher nicht so, auch wenn Du ja ganz gut singen magst."

Mir hatte die angenehm braungebrannte und sehr professionell agierende junge Dame davor eine ganze Ecke besser gefallen.  "Voulez-vous couchez avec moi ce soir?" hatte sie gesungen. Ein Schlingerl wer sich böse dabei denkt. Aber die Optik singt nunmal mit. Ein bißchen. Vielleicht. Dieter Bohlen war jedenfalls begeistert, und versuchte neben einem "daran müssen sich nun die anderen messen lassen" ein gekonnt holzhammer-glitschig-charmantes "Welcher Mann hätte wohl diese Frage heute verneint" oder irgendwas in der Art. Eva meinte, die junge Dame hätte bereits Bühnenerfahrung, sie wäre die "Perfekte" unter den Anwärtern. Vielleicht eine Spur zu glatt, meint sie. Naja. Wir waren bei Lionel Richie und unserer ganz eigenen Interpretation des Stückes zu fortgeschrittener Stunde und unter dem wohligen Einfluß dieses leckeren toscanischen Rotweins.


"Es ist gar nicht so leicht, gegen Dich den richtigen Ton zu treffen" sagt Eva. Was nun als Aussage für mich wirklich vernichtend ist, bin ich mir doch keiner Schuld bewusst. Hätte sie wenigstens noch gesagt "an Dir vorbei den richtigen Ton zu treffen" ... aber gleich "gegen Dich"? Hört sich ja an als sei ich ein gesangliches Bollwerk. Ich meine, so schlecht kann ich doch gar nicht sein? Auch wenn man gemeinhin meist eher meine Sangeskraft betont als mein melodisches Talent. Aber das ist nunmal mein Schicksal ... wie eh und je. Ein weiterer unverstandener Interpret. Ich fühle mich an Nick Caves "The Singer" erinnert ... "with my guitar in my hand suddenly I realize nobody knows me".

Die Trackliste geht weiter und wir singen fleissig mit. Sinead O'Connor. Gut, ich muss zugeben, die Zahl der Titel von ihr, die ich kenne, ist doch eher übersichtlich ... und das trotz des recht frühzeitigen Erwerbs einer Zweit-CD. Unvergessen, wie ich Harald damals "Zombie" von den Cranberries vorgesungen habe, weder Titel noch Band kannte, und Harald intuitiv meinte: "Sinead - das ist Sinead!". Jo, war sie aber nicht, die aus dem Tipp resultierend gekaufte CD hab ich natürlich immer noch. Sinead. Nicht ganz meine Stimmlage. Nicht wirklich. Wer will es mir nachsehen? Zumindest kann ich den Text von "Three Babies" noch recht gut ... ein kleiner Anerkennungserfolg.

Irgendwann zu fortgeschrittener Stunde gelingt mir dann, was wir beide unbedingt vermeiden wollten - beim Hinzufügen diverser David Bowie-Songs die komplette bis-dato-Winamp-Playliste durch geschickten Doppelklick auf ein mp3 durch eben jenes (und zwar ziemlich alleine) zu ersetzen. Jajaja, Winamp und der Unterschied zwischen dem simplen, intuitiven Doppelklick und dem gedanklich deutlich weiter wegliegenden Rechtsklick + "Enque in Winamp". Leider verloren. Als Dank ernte ich einen restlos begeisterten und hoch erfreuten "Argel, die Playliste, schon wieder, ich hab es doch gewusst!"-Blick.

Hey, ok, das passiert mir öfters, ich gebe es ja zu. Aber mal ehrlich ... wann wird Eva endlich verstehen, dass Playlisten etwas flüchtiges sind? Wie gewonnen, so zeronnen. Man sollte das Herz nicht an Dinge hängen, so hieß es schon in Harold and Maude, und ich stimme dem nach wie vor zu. Nicht uneingeschränkt natürlich. Ich bin zu alt und zu ausgefuchst für derart uneingeschränkte Aussagen ...