Der Weg des Fian (Teil I)

Es lebte einst ein kleiner keltischer Junge namens Cavar in Connla, der träumte davon, ein großer Held zu werden. Sein Vater hatte ihm ein kleines Holzschwert gemacht, damit er mit den anderen Kindern am Strand spielen konnte. Denn in diesen Tagen waren es Abenteuer mit Schwert und Schild, die die Kinder erleben wollten, Abenteuer mit mächtigen Druiden und Zauberern, wertvollen magischen Artefakten, Belagerungen von uneinnehmbaren Festungen, die irgendwo weit weg waren.

Und der Junge lief an den Strand, stolz auf sein Schwert, und er fühlte sich wie ein großer Krieger ... ein großer Krieger, der seine Fähigkeiten nun unter Beweis stellen konnte. So lief er zu der nächstbesten Sandkrabbe und baute sich vor ihr auf. Die Sandkrabbe war fast größer als er selbst, mit gefährlich aussehenden Scheren an ihren Armen. Aber das machte dem Jungen nichts, denn er war ja bewaffnet. Außerdem war es wichtig für einen Krieger, sich stets würdige Gegner zu suchen. Und er wusste, wie lecker das über offenem Feuer gebratene Fleisch einer Sandkrabbe war. Er dachte sich also, es wäre eine gute Gelegenheit, gleichzeitig etwas für das Abendessen zu jagen, und dabei ein garstiges Monster zu erlegen und den Strand damit sicherer zu machen. Denn das war natürlich die erste Aufgabe eines jungen bewaffneten Kriegers in Connla. Jeder Junge aus Connla wusste schließlich, daß Sandkrabben manchmal kleine Keltenkinder frassen. Sein Vater hatte es ihm selbst erzählt. Ja, sein Vater würde stolz auf ihn sein, wenn er dieses gefährliche Getier ganz alleine bezwingen würde, soviel war sicher. Die Sandkrabbe war wahrlich ein würdiger Gegner, auch wenn er den Jungen gar nicht so richtig wahrnahm. Sie lief einfach geruhsam ein Stück weiter und verweilte dort.

Der Junge aber ließ sich nicht beirren. Er baute sich erneut vor der Krabbe auf, erhob sein Schwert und rief laut "Füge Dich in Dein Schicksal !" Es war für einen Krieger wichtig, den Gegner gleich wissen zu lassen, daß sein Schicksal unausweichlich ist. Das hatte der Junge bereits gelernt. Und so holte er mit ganzer Kraft aus und Schlug der riesigen Krabbe mit dem hölzernen Schwert auf den Kopf, einmal, und noch einmal, und dann auf den Panzer, und dann wieder auf den Kopf. Aber so feste der Junge auch zuschlug und so viele Holzspäne sich auch beim Aufprall der hölzernen Klinge abstreiften, die Krabbe schien nicht wirklich Schaden zu nehmen, denn ein kleiner Junge ist nunmal schwach und ein Holzschwert keine geeignete Waffe. Die Sandkrabbe schnappte mit einer ihrer Scheren nach dem Schwert, bekam es zu fassen und der Junge bekam es nicht wieder frei, so sehr er auch daran zerrte.

"Das ist nicht richtig, Du darfst einem Krieger nicht die Waffe festhalten !" rief er erbost der Krabbe ins Gesicht. Aber die Krabbe fasste einfach mit ihrer zweiten Schere nach den Beinen des Jungen. Der Junge wich mehrmals aus, er war nicht ungeschickt, aber schließlich packte die Schere sein rechtes Bein, und ein ungeheurer Schmerz erfüllte den Jungen, als die Schere durch das Leder seiner Hose schnitt und sich in sein Fleisch grub. Der Schmerz war so stark daß der Junge fast ohnmächtig wurde. Aber in dem Augenblick ließ ihn die Krabbe auch schon wieder los. Ein großgewachsener, kräftiger Kelte war gekommen und schlug mit einem schweren Holzstock nach der Krabbe. Die Krabbe suchte daraufhin so schnell sie konnte das Weite.

"Verschwinde, aber ganz schnell" rief der Mann ihr noch nach. Erst jetzt erkannte der Junge den Mann ... es war sein Vater. Er hatte gesehen, wie der Junge die Krabbe angegriffen hatte und war zu Hilfe geeilt. Er brachte den Jungen in das kleine strohbedeckte Haus. Die Beinwunde sah schlimm aus, aber nachdem der Heiler aus Connla sie gereinigt, mit einer Heilsalbe eingeschmiert und dann verbunden hatte, meinte er, es wäre nichts, was nicht nach ein paar Tagen veheilt wäre. Denn Kelten waren eine zähe Rasse.

Und als der Heiler wieder gegangen war, setzte sich der Vater zu seinem Jungen ans Bett.
"Mein Junge mein Junge, was machst Du nur für Sachen. Du kannst doch nicht einfach eine so große Sandkrabbe angreifen. Ich habe Dir doch gesagt, daß sie manchmal kleine keltische Jungen fressen, wenn sie ihnen zu nahe kommen, und Du besser einen Bogen um sie schlagen solltest. Du bist doch kein Fian."

Und der Junge sah seinen Vater mit großen Augen an.

"Was ist ein Fian ?"
Und dann erzählte der Vater ihm von den Fian, von Kriegern voller Ehre, die bedingungslos für die Freiheit Hibernias eintraten. Und er erzählte von ihrer besonderen Fähigkeit, sich in der Stunde größter Not und in den aussichtslosesten Situationen in mächtige Hirsche verwandeln können.

Ein Hirsch ... das war für den Jungen etwas neues. Denn er wusste nicht, was ein Hirsch war. Er hatte bislang nur Connla gesehen, seinen Strand und ein wenig mehr. Und am Strand von Connla gab es Sandmänner, Schlammlinge, nachts manchmal unheimnliche Skelette und Spuktreibholz ...und die
gefährlichen Strandkrabben halt. Aber keine Hirsche.

Und so fragte der Junge seinen Vater, wie denn ein Hirsch aussah und wie er sich ihn vorzustellen hatte. Und der Vater erzählte ihm von dem mystischen Tier, das vielerorts in Hibernia als der heimliche König der Wälder verehrt wurde, von seinem erhabenen Antlitz und seinem großen Geweih. Ein Tier ganz anders als diejenigen, die der Junge bislang kennengelernt hatte.

Als der Junge dann wieder alleine auf seinem Schlafplatz lag, stellte er sich vor, wie er tapfer mit seinem Holzschwert vor einer viel größeren Sandkrabbe gestanden hätte, noch größer als die, der er heute begegnet war. Und sie wäre nicht zurückgewichen und er auch nicht und dann hätte er sich im
entscheidenden Augenblick, als sie gerade nach seinem Bein schnappte in einen riesigen, erhabenen Hirsch verwandelt, und die Krabbe wäre erschrocken davongelaufen, zurück ins Wasser, so schnell sie konnte.

An diesem Abend schlief der Junge ein mit dem Lächeln eines jungen Helden
auf seinen Lippen.