Meldir

Sein Blick strich über den gemächlich dahinfliessenden, fast ruhig wirkenden Fluß, über das Gras und Schilf am Ufer und verharrte dann am Bootshaus hinter der Mühle. Ein paar Ziegelmauern ergaben die Wände, darüber ein einfaches Dach aus Holzlatten.Drinnen lag festgezurrt das kleine Boot, das ihn und die anderen schon oft hinüber getragen hatte ... hinüber in dem Sumpf, hinter dem man nach einem ausgiebigen Fußmarsch irgendwann das Kloster fand ... und den Eingang zu Cull Loamanch, dem alten von Zwergen erbaute Höhlensystem.

Ein weiterer Tag fand langsam sein Ende. Es war still geworden, ein paar Grillen waren zu hören und das zur Mühle gehörende Wasserrad. Die anderen Gefährten waren zur "warmen Ente" weitergegangen ... Sian hatte noch die lautstarke Vorfreude der Zwerge in den Ohren, die von "Heldenbier vom Faß" schwärmten und es sich wohl in diesem Augenblick wieder krügeweise einverleibten. Nur Xagrim, der Drow, war wie so oft alleine in den Wald aufgebrochen war, um sich dort einen Platz für die Nacht zu suchen.

Einige Wochen war Sian nun unterwegs, um Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln, fernab seiner Heimat, fernab seines Hains. Einige Wochen, die ihm wie eine Ewigkeit vorkamen, die Zeit davor erschien ihm wie aus einem anderen Leben ... ein anderes Leben, aus dem ihm neben seiner Erinnerungen nur eins geblieben war ... jene Flöte aus auffällig hellem, fast weissem Holz, die er ständig an einer dicken, braunen Lederschnur um den Hals trug. Alles andere hatte er damals verloren, als er Schiffbruch erlitten hatte und noch gerade so mit seinem Leben davongekommen war. Eine Holzflöte und ein paar Erinnerungen, eine letzte kleine Brücke zu seiner grünen Heimat, in die er hoffentlich irgendwann zurückkehren würde.

Melancholie überkam ihn ... abends, wenn er allein und es ruhig geworden war, war er besonders anfällig für die Schwere der Erinnungen. Sian nahm seine Flöte und begann zu spielen. Es waren keine Lieder, er ließ die Musik einfach aus sich fliessen, geformt von seinen Gefühlen und seiner Stimmung. Es waren leise, gedämpfte Töne, aber sie waren ausdrucksstark. Hätte die Melodie jemand vernommen, wäre er vermutlich überrascht darüber gewesen, wozu eine einfache elfische Wanderflöte im Stande war, wenn man sie zu spielen wusste. Auch wenn sie von ihrer Bauweise her nicht wesentlich anders waren als eine typische menschliche Wanderflöte, bot sie vielmehr Spielraum bei der Tongestaltung und der Lautstärke einzelner Noten ... die Melodien wirkten dadurch tiefgehender, farbiger und in sich stimmiger.

Mit jedem gespielten Ton schienen ihm die längst vergangenen Tage im Hain wieder näherzukommen ... die alten Bäume der ewigen Wälder, die vertrauten Geräusche, die Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel fielen ... Sian ließ sich treiben von den Bildern, die in ihm auftauchten. Dann bemerkte er, daß er nicht nur für sich alleine spielte. In den Ästen des kahlen, vollkommen blätterlosen Baumes neben dem Bootshaus hatte sich ein Vogel niedergelassen ... es war ein Falke. Zu Sians Überraschung war es aber kein gewöhnlicher Falke war, kein Falke, wie er sie hier in der Umgebung ein paarmal beobachten konnte. Es war ein "weisser Vogel", ein Weissfalke ... auch wenn der Vogel nicht wirklich groß war, bot er doch einen majestätischen Anblick, der aufzeigte, wozu die Natur im Stande war, wenn man sie nur ließ ... ein weißer Kopf mit ganz leicht angedeuteten, dunkelbraunen Strähnen, weisses Brustgefieder, mit kleinen, vereinzelten dunkelbraunen Sprenklern versehen ... die Federn der Flügel auf der Innenseite gleichfalls weiß wie das Brustgefieder, auf der Außenseite hingegen zu etwa gleichen Teilen weiß und dunkelbraun gefleckt.

Weissfalken waren Tiere aus Sians Heimat, aus den Gebieten der Elfen ... er hatte seit er aus dem Hain aufgebrochen war keinen einzigen gesehen. Offensichtlich hatte die Natur es in anderen Breitengraden - in denen der Menschen - für sinnvoller gehalten, die Raubvögel besser zu tarnen ... weil man ihnen nicht mit dem Respekt begegnete, den sie verdienten. Für die meisten, die hier lebten, war die Natur ein Rätsel, und ihnen fehlte jegliche Sensibilität und jegliches Verantwortungsgefühl für die Zusammenhänge, die die Welt ausmachten. Tiere, die in derart prächtigen, auffälligen Farben daherkamen, konnten unter diesen Umständen nicht hoffen, lange zu überleben ... und die Natur war weise, sie sorgte für ihre Kinder, passte sie den anderen Bedingungen an.

Sian konnte es noch immer nicht ganz fassen ... ein Weissfalke ... ein Fremdkörper in diesen Gefilden, genau wie er selbst ... weshalb war dieser Vogel hier, was hatte ihn hierhergebracht ? Hatte er sich aus irgendeinem Grund verirrt ? War der Falke letztendlich ein genauso seltsam fernab von zuhause gestrandetes Wesen wie er selbst ? War er genauso voll von Erinnerungen an die Heimat wie Sian ? Hatte er Heimweh ? Hatte er vielleicht den vertrauten Klang einer Elfenflöte gehört und war ihr gefolgt, weil er gehofft hatte, ein Stück Heimat zu finden ? Wie derjenige, der die Flöte spielte ? Manchmal trug der Wind selbst die leisesten Töne sehr weit hinaus ...

Die beiden sahen sich an, während Sian immer noch auf der Flöte spielte. Es lag eine starke Verbundenheit in ihren Blicken ... ein unsichtbares Band war zu spüren, Nähe, sehr deutlich, eine seltsame Vertrautheit ... so, als würde man nach einigen Jahren einen alten Freund wiedersehen, einen Weggefährten, mit dem man viel erlebt hatte und auf den man sich stets verlassen konnte. Für einen Augenblick fragte sich Sian, ob der Falke nicht ein Zeichen wäre, ein Zeichen für die Rückkehr, ein Zeichen, nach Hause zu kommen ... eine stille Erinnerung an die Heimat, die auf ihn wartet ... oder eine Erinnerung daran, daß er auch in der Fremde nie ganz alleine war ...

Sian hörte auf zu spielen. Der Falke betrachtete ihn unverändert ... neugierig und abwartend, ruhig. Es war ein seltsamer Augenblick, und das lag nicht nur an der Stille des Abends draußen vor der Stadt ... irgendwas war in den letzten Minuten passiert zwischen Sian und diesem Weissfalken ... es war offensichtlich. Er wusste nicht, was es war ... aber er las in dem Blick des Falken, daß nicht nur Sian allein es spürte.

Er lächelte leicht. In seinen Augen lag Wärme. Mehr zu sich selbst sagte er leise "Und, wie soll ich Dich nun nennen, weisser Vogel ? Wie soll ich Dich nun nennen, Dich, der Du genauso weit weg bist von dem Ort, wo Du hingehörst, wie ich es bin ?"

Er betrachtete den Falken weiter, und sagte dann leise zu sich selbst "Hoffnungsbote ? Seelenverwandter ? Vertrauter ? Abendtrost ?"

Es blieb eine Weile still ... dann stieß der Falke einen Schrei aus.

Sian kannte vieles aus den Sprachen der Tiere ... wer soviel Zeit im Wald verbracht hatte wie er und die Tiere dort als Nachbarn und Freunde betrachtete, sich auf sie und ihre Belange einließ und ein Gefühl für ihre Lebensweise und ihr Leben entwickelte, lernte auch mit der Zeit, sie zu verstehen, denn sie hatten ihre ganz eigene Art, sich verständlich zu machen ... es war eine einfache Art, direkt, geradeaus und ehrlich, anders als etwa die der Menschen, bei denen man das Gesagte vordergründig zwar verstand, aber dennoch oftmals nicht wusste, wie man es einzuordnen hatte.

Er wusste, was der Falke gesagt hatte ... es war das Wort, das bei den Elfen "Meldir" hieß ... und bei den Menschen "Freund" ...