Nah am Wasser

Es war still geworden in Cull Loamanch. Niemand sagt etwas. Jeder der Gefährten hatte sich einen eigenen Platz gesucht in dem grossen Raum und leckte für sich seine Wunden ... Wunden, die der vergangene Kampf mit dem Wasserelementar gerissen hatte. Es war kein Elementar, wie sie ihn schon häufiger gesehen hatten ... dieser war grösser gewesen, viel größer. Ein furchtbarer Gegner. Luthien hatte ihn als erstes gesehen ... sie hatten sich nach langem Überlegen zum Angriff durchgerungen, aber wohl war niemandem dabei gewesen. Bereits die ersten Sekunden zeigten, daß sie sich deutlich übernommen hatten. Der Kampf wurde schnell hektischer, chaotischer und verzweifelter, und irgendwann suchte jeder nur noch sein Heil in panischer Flucht, irgendwohin, nur weg. Panische, richtungslose Flucht in einem Labyrinth, das vor Fallen und gefährlichen Gegnern nur so wimmelt - keine gute Idee. Die Gefährten wurden geteilt.

Sian blickte in die Runde. Mittlerweile hatten sie wieder zueinander gefunden. Sie hatten Glück gehabt, viel Glück, keiner von ihnen war ums Leben gekommen, auch wenn so mancher nur knapp am Tod vorbeischrammt war. Fundin, der Zwergenkleriker, versorgte - selber deutlich verletzt - die schwerverwunderte Eowyn. Luthien, die Magierin, hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und wirkte in sich gekehrt. Sie machte sich offensichtlich Vorwürfe wegen des Verlauf des Kampfes, vielleicht auch, weil sie den Kampf überhaupt eingegangen waren. Nun, sie hatten den Elementar einfach unterschätzt, sie hätten es besser wissen müssen, aber es war passiert. Niemanden traf daran Schuld.

"Warum gehen wir dieses Risiko überhaupt ein - für ein paar Goblins ?" hatte irgendjemand kurz vor dem Kampf gemeint. Sian musste bitter schmunzeln. Was für ein absurder Gedanke, sie taten das hier nicht für einen Goblinführer, auch wenn er sicherlich mit ihrer Anwesenheit hier zu tun hatte. Jammal war sein Name. Der Grund für das zahlreiche Auftauchen der Goblins in der Gegend um Tergastel war offensichtlich die Suche nach einem Helm ... ein vermutlich mächtiges und wertvolles Artefakt. Weshalb genau die Goblins ihn suchten, war unbekannt, aber dieser Anführer hatte gemeint, wenn sie den Helm gefunden hätten, würden sie wieder verschwinden ... ansonsten würden immer mehr kommen.

Sians Blick verhärtete sich bei dem Gedanken daran. Man konnte mit Goblins nicht verhandeln, man konnte ihnen nicht trauen, es waren feige, hinterhältige, gemeine Kreaturen, nur auf den eigenen Vorteil aus, die es genossen, wenn sie andere leiden sahen. Selbst wenn die Gefährten den Helm, den sie hier in diesem Zwergenlabyrinth vermuteten, finden und abliefern würden, wer garantierte ihnen, daß die Goblins wirklich wieder gingen ? Ein lächerlicher Gedanke, sich auf das Wort einer solchen Kreatur zu verlassen. Fundin hatte das einzig richtige getan. Auch er war einem Goblin begegnet, der nach dem Helm suchte, wahrscheinlich ein anderer Häuptling. Der Zwerg hatte nicht lange überlegt und den Goblin mit seiner Axt dahin befördert, wo man sich um Helme keine Sorgen mehr zu machen brauchte. Mit diesen Kreaturen verhandelte man eben nicht.

Bilder aus seiner Zeit im Hain kamen Sian vor Augen und seine rechte Hand formte unbewusst eine Faust. Bilder die ihn nicht verliessen. Er kannte diese Wesen genau, er hatte sie studiert und er hasste sie mit voller Inbrunst. Jeder Goblin, der durch seine Hände starb und somit keine Gefahr mehr für andere war, war eine Genugtuung für den sonst eher ruhig und ausgeglichen wirkenden elfischen Waldläufer. Der letzte Kampf gegen die Goblins, bei dem Sian und Veldor, der Drow, Seite an Seite ums Leben kamen, trug seinen Teil dazu bei, den Hass weiter zu schüren.

Eine halborkische Schamanin konnte die beiden ins Leben zurückholen, sie hatten Glück gehabt. Sian sei vom Wolf beschützt, meinte sie ... aber er solle das besser nicht ausnutzen. An den Folgen des Überganges hatte er jedenfalls immer noch zu knabbern, auch wenn die Zeichen der Wiedererweckungskrankheit langsam nachliessen und die Zeiträume zwischen den Krankheitsschüben immer größer wurden. Übelkeit ... Kopfschmerzen ... Fieber ... Kraftlosigkeit ... Panikattacken ... Schweißausbrüche ... kurzzeitige Blindheit oder Stummheit ... nein, auch wenn er sich selbst mittlerweile als recht zäh einstufte, sein Körper war mit dem plötzlichen Wechsel zwischen Leben und Tod und Leben deutlich überfordert, die Körperfunktionen waren durcheinander gebracht, die Sinne verwirrt und alles in Sian brauchte Zeit, um sich neu zu sortieren - eine Tatsache, die er schmerzlich zu akzeptieren hatte.

Dem Dunkelelf ging es da nicht wesentlich anders, auch wenn dieser offensichtlich bemüht war, seine gesundheitlichen Probleme möglichst nicht offen zu zeigen. Keine Schwäche zeigen, vor allem nicht, wenn Angehörige von Rassen anwesend waren, die in den Augen eines Drows minderwertig waren und bestenfalls als Sklaven taugten. Und schon gar nicht Hilfe von ihnen annehmen. Sian sah sich um, wo war Veldor überhaupt, es war nichts von ihm sehen ? Vermutlich hatte er sich noch etwas weiter zurückgezogen, wer weiß, warum.

Und Perom ? Der Gnom saß an eine Wand gelehnt, in respektvollem Abstand zu einigen von Grünschimmel überzogenen Steinen. Normalerweise war Perom ein fröhlicher, offen und locker wirkender Typ ... vielleicht manchmal etwas naiv, was wohl mehr eine Frage der Erfahrung war. Momentan gab der Gnom ein ganz anderes Bild ab, er war ernst und in sich gekehrt. Perom war bereits in den Gängen, in denen diese seltsamen weissen Spinnen umhergingen, die glücklicherweise friedlich waren, zweimal in eine Falle getreten und beide Male schwer verletzt und einmal sogar vergiftet worden. Fundin hatte mit seinen Heilkünsten jedenfalls alle Hände voll zu tun gehabt. Und dann der Kampf mit dem Wasserelementar ... sicherlich hatte Perom es sich leichter vorgestellt, einige Abenteuer zu bestehen und auf diese Weise etwas Geld zu machen ...

Irgendwo nahe am Wasser sollte er liegen, der Helm ... nun, dort, wo das Wasser war, war der Elementar. So standen die Dinge, daran gab es nichts zu rütteln.

Der Zwerg kam aus Eowyns Ecke, schaute Richtung Tür und dann in die Runde. Dann sagte er mit optimistisch gefärbter, lauter, dröhnender Stimme:

"Arrrr, was ist los, worauf warten wir ? Wir müssen dieses Ding auch schwer verletzt haben. Hauen wir es zu Kleinholz eh es Zeit hat, sich zu erholen !"