Orkenspalter

"Aus der Erde war er gekommen, und in die Erde ist er wieder gegangen." Das hatte Sian gesagt, als Luthien, Rhianna und er den Zwerg begraben hatten, am Fuße einer Felswand, in der Nähe von Cull Loamanch. Sie hatten seine Leiche auf einer Bare hinter sich hergezogen in der Hoffnung, ein fähiger Priester des Zurka-Tempels in der Stadt könnte ihn vielleicht wiedererwecken ... so, wie Sian damals wiedererweckt wurde nach seiner Begegnung mit dem Slaad. Luthien hatte es als erste gemerkt ... daß es keinen Sinn hatte. Sie hatten die Bare abgesetzt und Orkenspalter betrachtet. Ja, es war erkennbar an seinen Gesichtszügen ... auf denen ein leichtes, seltsam friedliches Lächeln lag ... er hatte abgeschlossen mit dem Leben ... er wollte nicht mehr zurückkommen, das hatten sie zu akzeptieren.

Alles hatte einmal ein Ende. Er war alt gewesen, auch für einen Zwerg. Sein grauer Bart sprach Bände. Sian erinnerte sich daran, wie er sich den Gefährten damals angeschlossen hatte ... wie er fast mit kindlicher Freude losgelaufen ist, um seine Axt zu holen, als hätte er viele Jahre auf diese Gelegenheit gewartet. Noch einmal aufzubrechen, aus der Zwergenstadt, noch einmal die schwere Rüstung überstreifen, noch einmal die Streitaxt über die Schulter stämmen, noch einmal Orks jagen, noch einmal intensiv leben und Abenteuer erleben. Sians Blick wanderte über die Schiffe, die im Hafen vertäut waren, und sich sanft mit den Wellen bewegten. "So einen Tod hat er nicht verdient" hatte Rhianna gemeint. War das so ? War es nicht vielleicht genau der Tod, den er sich gewünscht hätte ? Im Kampf allein gegen einen übermächtigen Gegner, die schwere Streitaxt in den Händen, beidhändig geführt, an einer geschichtsträchtigen Stätte, die sein Volk einst vor vielen hundert Jahren erbaut hatte ... Stein um Stein, unter dem Felsmassiv.

Cull Loamanch, das gewaltige Höhlenlabyrinth, anfangs nicht mehr als eine Mine der Zwerge, später befestigt und bewehrt für den Kampf gegen Orks, Hobgoblins und Goblins galt es einst als uneinnehmbar und wurde zum Streitball zwischen Zwergen und Dunkelelfen ... um dann vermutlich von einer Macht von innen eingenommen zu werden. Niemand wusste wirklich, was dort los war ... nur, daß es dort von Fallen nur so wimmelte, gut plaziert und tödlich ... und von Wesen, denen man lieber nicht begegnet. Cull Loamanch. Allein der Name ließ es vielen in der Stadt eiskalt den Rücken runterlaufen ... Sian ging es da nicht wesentlich anders. Jedesmal wenn er dort war beschlich ihn das seltsame Gefühl, jeder Schritt könne sein letzter sein. Orkenspalter hatte vor diesem Höhlensystem nicht kapituliert, er hatte den Kampf gesucht, deshalb war er ausgezogen ... er hatte sich nie zurückgehalten, vorne, in der ersten Reihe sah er seinen Platz, dem Gegner direkt in die Augen blickend ... obwohl jeder um ihn rum und vermutlich auch er selber längst merkte, daß seine Reaktionen nicht mehr die waren, die er einst als Krieger hatte. Er war mehr als einmal schwer verwundet worden und knapp am Tod vorbeigeschrammt.

Sian ertappte sich bei einem Grinsen. Verrückter Zwerg. Ewig mürrisch, brummig, fluchend. Besonnenheit, nein, das war nicht die Stärke des Zwerges gewesen. "Ich hätte bei ihm bleiben sollen" hatte Rhianna gemeint, immer wieder. Sicher, auch er selbst hatte sich Vorwürfe gemacht. Aber wie wollte man auf einen Zwerg aufpassen ? Der ständig machte, was ihm gerade in den Sinn kam, mit dem Kopf durch die Wand ? Neugierig, manchmal ohne jegliche Spur von Vernunft. Sian dachte daran, wie er selbst im Gang stand und plötzlich alles erfüllt war von giftigen Sporen, weil Orkenspalter unbedingt an diesen seltsamen Pilzen rumfummeln musste. Oder wie er alle fragte, ob sie nicht Eisenerz für ihn tragen könnten, er wolle sich daraus etwas schmieden. Soviel Erz, daß niemand es tragen konnte. Nicht, daß er es deshalb zurückgelassen hätte.

Wieder konnte Sian sich ein Grinsen nicht verkneifen. Luthien hatte noch gemeint, er könne sich etwas Erz aus der Wand schlagen, wenn sie die Cull verliessen ... aber nein, der Zwerg hatte nun sein Erz, und er gab es nicht mehr her, auch wenn er unter der schweren Last beim Gehen fast schon zusammenbrach - was er nie zugegeben hätte. Ja, so war er eben, ein verrückter alter Kauz, aber direkt und ehrlich, auf seine Art sympathisch. Man wusste, wie man ihn einzuschätzen hatte, und man wusste auch, wie er andere einschätzte, er machte aus seinen Gedanken nie ein Geheimnis. Er würde ihnen fehlen, selbst Luthien, da war Sian sich sicher. Oft waren sie aneinandergeraten, oft hatte der Zwerg Luthiens Zauberkünste als Hexerei abgetan, obwohl sie so viel Wert auf den Unterschied zwischen erlernter, studierter Magie und dem eher intuitiven Können eines Hexenmeisters legte. Seltsam ruhig und gefasst war sie nach seinem Tod gewesen, fast kalt ... dennoch war sie es, die die Bare den größten Teil der Strecke gezogen hatte ... was seiner Meinung nach mehr aussagte als Worte es hätten tun können.

Eigentlich waren sie bereits auf dem Rückweg aus dem Labyrinth, fast draußen, fast in Sicherheit. Orkenspalter musste natürlich wie immer noch irgendwas machen ... eine Statue hatte es ihm angetan und er hatte den wirren Gedanken, sie könnte etwas enthalten. Das der Zwerg fehlte, hatten die anderen erst gemerkt, als sie bereits die Treppen rauf in die nächste Ebene gegangen waren ... als sie die Treppe wieder runterkamen nach ihm zu sehen, stießen sie auf dieses riesige rote, stachelbewehrte Wesen. Es folgte ein heftiger Kampf, aber dem Wesen blieb keine Chance gegen die vier Gefährten, es hätte nichtmal eine Chance gegen Xagrim und seine beiden Langschwerter alleine gehabt. Den Zwerg fanden sie einen Raum weiter auf dem Boden liegend, blutüberstömt, die Axt noch in seiner Hand. Sie waren zu spät gekommen, Orkenspalter war tot ...

"Ich möchte einmal im Wald sterben." hatte Rhianna im Sumpf gesagt. Und Sian hatte sich kurz selbst gefragt, wie er selbst sterben wollte. Aber er war zu keinem Ergebnis gekommen. Er wollte leben, und er wollte sich nicht jetzt bereits Gedanken über seinen Tod machen. Man konnte sich seinen Tod nicht aussuchen, weder wie er kam noch wann er kam, was brachte es, sich Gedanken darüber zu machen. Sian dachte wieder an das Lächeln auf den Lippen des Zwergs. Das war es, worauf es ankam ... daß man, wenn der Tod kam, sagen konnte, daß man sein Leben gelebt hatte ... man nicht das Gefühl hatte, etwas verpasst zu haben. Es war diese Erkenntnis, diese Wahrheit, die der Tod des Zwerges für die anderen hinterließ.

Sians Blick wanderte rauf zum Himmel. Dicke Wolken zogen über ihn hinweg landeinwärts ... neuen Regen bringend. Es regnete oft und viel in Tergastel. "Gehab Dich wohl Orkenspalter ... ich hoffe Du findest Deinen Frieden" sagte er leise zu sich selbst. Dann machte er sich auf zur 'Warmen Ente', der Taverne, in der er die anderen vermutete. Das Leben ging weiter ...