Vom Tod

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem Gargoyle. Irgendein Mönch brauchte eine Reihe von Zutaten, unter anderem den Schädel eines Gargoyles. Wir suchten bei den Steinen, weit vor der Stadt, nach ihm. Naifirien, die Elfin, meinte, dort einen gesehen zu haben ... aber es war schon eine Weile her. Wir fanden keinen. Dafür war da ein seltsames Feuer zwischen den einigen mit Runen versehenen Steinen - ein Portal wie wir vermuteten. Es erinnerte uns an die Höhle, in der wir waren, als wir diesen Feuerelementar gesucht hatten, dessen Name niemand aussprechen oder gar sich merken konnte.

Jemand kam auf die Idee, das Feuer zu löschen ... in der Höhle hatte es ja auch funktioniert. Einfach mit Erde zuschütten. Schaufel hatten wir keine, aber dafür diese große Streitaxt, die wir bei den wegelagernden Orks gefunden hatten ... mit ihr müsste es auch gehen. Und während Naifirien, die Elfin, deren Gesicht nur selten unter der Kaputze ihres Umhangs zu sehen war, der Halbling, der seinen Namen nicht verraten wollte, und ich uns in einigem Abstand zum Portal aufstellten, nahm Xagrim, der Dunkelelf, der so ganz anders war als alles was mir meine Sippe über seine Rasse erzählt hatte, die Axt und begann, Erde auf das Feuer zu schaufeln. Sein treuer Schreckenswolf betrachtete das ganze neugierig und wachen Blicks.

Nun, es schien zu funktionieren ... die Erde bebte leicht, dann stärker, und plötzlich war alles voll Feuer und Flammen, und Xagrim stand mittendrinnen. Ich erschrak, aber das Feuer machte ihm scheinbar nichts aus ... vielleicht lag es an der seltsamen magischen Aura, die den Dunkelelfen umgab, wohin er auch ging, vielleicht schützte sie ihn. Dann ließ das Feuer nach und er war da, mitten im Portal ... ein großer, roter Slaad ... und er blieb nicht lange allein, denn schon gesellte sich ein weiterer zu ihm, vielleicht vom ersten beschworen, ich weiß es nicht. Meine Augen weiteten sich, als ich an das dachte, was mir der Halbling in der Taverne 'Zwei Welten' über die Slaads erzählt hatte ... was für aggressive, gefährliche, ernstzunehmende Gegner es waren.

Ich hob meinen Kurzbogen, spannte und jagte den ersten Pfeil über die Sehne, dann den nächsten ... neben mir hatten auch Naifirien mit ihrem Elfenbogen und der Halbling mit seiner leichten Armbrust begonnen, einen der beiden Slaads unter Feuer zu nehmen, während Xagrim direkt am Portal gemeinsam mit seinem Schreckenswolf den Nahkampf aufnahm. "Er kann auf sich allein aufpassen." hatte der Halbling am Abend zuvor gemeint, als wir am Lagerfeuer saßen und auf die Rückkehr des Dunkelelfs warteten. Xagrim war ein erfahrener Krieger, zweifelsohne. Aber das hier sah nicht gut aus. Pfeil um Pfeil verließ meinen Bogen, mancher ging daneben, aber genügend trafen, um sich in den massigen, stämmigen Körper des Slaads zu bohren - ohne großen Schaden anzurichten. Das hier würde kein gutes Ende nehmen.

"Lauft !"
"Lauft ! Weg hier ! Weg !" rief der Dunkelelf. In seiner Stimme war Dringlichkeit.

Er selbst machte keine Anstalten, sich aus dem Kampf zu lösen, er stand beim Portal, und mit ihm sein Schreckenswolf ... offensichtlich  wollte er die Slaads lange genug aufhalten, bis wir anderen in Sicherheit waren. Ich schüttelte den Kopf. Ein Dunkelelf, der sein Leben für andere einsetzte ... die Welt hier draußen war in vielen Belangen gänzlich anders als das, was man mir im Hain beigebracht hatte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte ... bleiben und kämpfen, in der Hoffnung, trotz meiner Unerfahrenheit doch einen entscheidenden Treffer zu landen, etwas wichtiges zum Ausgang des Kampfes beitragen zu können ? Oder laufen um zu leben ... mit dem Gefühl, daß jemand anders einen Kampf ausfechtet, der zugleich mein Kampf war ? Nein. In meiner Sippe lässt man seine Gefährten nicht im Stich. Man stand zusammen, gerade in der Not, und wenn es denn sein mußte ging man auch zusammen unter. Ich blickte zur Seite, sah, wie Naifirien ein paar Schritte gelaufen war, dann hinter einem Stein wieder stehenblieb, entschlossen und zugleich voller anmutiger Schönheit ihren Bogen spannte und wieder begann, auf den Slaad zu schießen. Irgendwo weiter hinten stand der Halbling ... auch er hatte sich ein Stück abgesetzt, aber nur um Xagrim dann wieder mit seiner Armbrust zu helfen - kein Zeichen eines Rückzuges.

Distanz zu den Slaads schaffen, dafür sorgen, daß sie nicht zu nahe kommen, und wieder angreifen - anders kämpften wir in den Wäldern auch nicht, und dieser Kampf hier war noch nicht verloren. Ich lief ein paar Felsbrocken weiter nach hinten, gerade soweit zurück, daß ich noch ein gutes Schußfeld für meinen Bogen hatte. Dann legte ich neu an, zielte und ließ den nächsten Pfeil von der Sehne. "Weg !" rief Xagrim immer noch. Bislang hatte ich bei keinem der Slaads großen Eindruck hinterlassen, sie schienen mich zu ignorieren ... offensichtlich hatte sich das nun geändert, denn einer kam direkt auf mich zu. Er blutete aus drei Wunden in der Bauchgegend ... ein vierter Pfeil bohrte sich in seine Brust, er blieb unbeeindruckt, ich fischte den nächsten Pfeil aus dem Köcher, der Slaad kam schnell näher, unbändig, voller Zorn, ich spürte, wie mein Herz schneller und lauter schlug ... einen Schuß wollte ich noch schaffen eh ich mich absetzte, er ging daneben, nun aber schnell weg, dann - ein plötzlicher, jäher Schmerz der mich durchflutete ... aber ich lief ... ich war entkommen, im letzten Augenblick.

Wenngleich ... ich fühlte, das irgendwas nicht stimmte, seltsam war ... ich bewegte mich so ... leichten Fußes, alles wirkte so gedämpft ... ich sah an mir runter - ich war nackt. Wo war meine leichte Lederweste geblieben, wo die Beinlinge ? Hatte der Slaad mich mit einem so schweren Schlag erwischt, daß sie runtergerissen wurden, zerfetzt ? Aber ... warum sah ich dann keine Wunden ? Ich war gänzlich unversehrt, nichtmal ein Kratzer. Wo war der Kurzbogen, den ich gerade noch in den Händen gehalten hatte ? Wo der Gürtel mit meinem Kurzschwert und den beiden Wasserflaschen ?  Ich sah mich um, wie in Zeitlupe. Der Slaad verfolgte mich nicht mehr, Naifirien kämpfte mit ihm. Irgendwas lag da in der Nähe seiner Füße, ich konnte nicht ausmachen, was es war, aber es wirkte seltsam vertraut ... ein ... Körper ?

Der Kampflärm verstummte langsam hinter mir, von Sekunde zu Sekunde erschien mir alles unwirklicher, ich spürte nichtmal mehr den Regen auf meiner Haut ... dann verschwamm die Welt um mich rum, die Dunkelheit kam, und ich fiel ...

Als meine Sinne sich langsam wieder erholten, lag ich auf dem Boden, in einer dunklen Höhle, allein auf weiter Flur ... ich drehte den Kopf, sah mich um ... hinter mir führte eine Art Rutsche von der Decke herunter in diesen Raum ... wobei ich seltsamerweise die Decke nichtmal richtig ausmachen konnte. Im ersten Augenblick dachte ich, ich wäre bei der Flucht in ein verborgenenes Portal gelaufen, in eine Art Stolperfalle auf dem Weg oder in einen großen Riss im Boden, der sich plötzlich aufgetan hatte, irgendetwas in der Art, und war nun abgeschnitten von meinen Begleitern. Aber irgendetwas sagte mir, daß es etwas anderes sein musste.

"Mist" hörte ich eine Stimme sagen ... aus weiter Ferne, die Richtung konnte ich nicht ausmachen. Ich war mir nichtmal sicher, ob ich sie wirklich gehört oder mir das nur eingebildet hatte. Es klang wie die Stimme des Halblings. Aber er war nirgendwo zu sehen ... niemand war zu sehen ... und es war seltsam still. Dann wieder die Stimme.

"Wir können euch zurückholen ... wenn ihr möchtet."

Ja, es war die Stimme des Halblings. Ich wusste noch immer nicht, wie mir war. Ich war immer noch nackt. War das ein Traum ? Was war passiert ? Zurückholen ... Zurückholen klang gut. Aber was auch immer ich sagte, es schien niemand zu hören. Dann erst bemerkte ich das Bündel vor mir auf dem Boden, neben dem Schädelhaufen ... ich betrachtete es näher ... es war eine Totenrobe ... und in dem Augenblick verstand ich. Ich war tot, ich weilte nicht mehr unter den Lebenden. Diese Höhle war ... das Totenreich ? Keine Spur eines paradiesisch anmutenden Hains, durch dessen Blätterdach tausende Sonnenstrahlen brachen ... stattdessen ... eine große, weitläufige Höhle, weder warm noch kalt. So hatte ich mir den Tod nicht vorgestellt ... wenn ich ihn mir überhaupt jemals vorgestellt hatte.

Ich streifte die Robe über ... seltsam, daß man sich auch als Toter unbehaglich fühlte, wenn man nackt war. Das Totenreich. Ich ging ein paar Schritte, vielleicht gab es hier ja etwas zu erkunden, aber ich merkte schnell, daß diese Höhle genauso weitläufig wie öde war ... es gab da nichts zu erkunden, niemand war dort. Wo waren die anderen Toten ? War das hier nur eine Zwischenstation ? Sollte das, weshalb ich den Hain damals verlassen hatte, so schnell ein Ende gefunden haben ? Wenn ja war dies keine Erfahrung, mit der ich nach Hause kommen konnte ... denn ich würde nicht mehr nach Hause kommen. Ich setzte mich hin, betrachtete die Schädel, die dort lagen, und die Zeit verging.

Dann, irgendwann, erklang eine ruhige, erhabene Stimme ... "Sei doch bitte in Zukunft nicht so unvorsichtig". Unvorsichtig ? Oder eher töricht ? Ich schüttelte den Kopf. Nein, darauf war ich nicht vorbereitet. Das das Ende so schnell kommen kann. Aber wessen Stimme war das ? Es war nicht der Halbling ... ich hatte sie nie zuvor gehört, und sie erschien mir dennoch seltsam vertraut ... wie etwas, was schon immer dagewesen ist. War es ... die Stimme von Chieron ? Dem Schöpfer ? Es war eine männliche Stimme ... daher konnte es nicht Cúrondis, die Schutzgöttin der Elfen, sein ... also Chieron ? Oder war es ein anderer Gott ? War es überhaupt ein Gott ? Von einem Moment zum anderen fühlte ich mich schuldig. Ich wusste nichtmal genau, warum ... vielleicht war ich nicht so mit meinem Leben umgegangen, wie es meine Pflicht gewesen war ... vielleicht war ich der Verantwortung der Natur gegenüber nicht gerecht geworden. Ein Pfeil zuviel ? Ich schüttelte den Kopf. Aber ... was hatte die Stimme gemeint ... mit "in Zukunft" ?

In dem Augenblick, als ich anfing, über das Gesagte zu grübeln, wurde es wieder dunkel um mich. Als ich die Augen wieder öffnete, fühlte ich mich miserabel ... übel, gepeinigt, als hätte man mich auf der Überfahrt kielgeholt. Ich war nicht mehr in der Höhle, sondern in einem großen, sehr großen Raum. Es war ... ein Tempel. Hatte ich geträumt ? War das alles nur ein Traum gewesen ?

"Was war passiert ?" meinte der alte Priester zu dem Halbling und sah dann mich an. Der Halbling ... endlich ein vertrautes Gesicht. Er erzählte etwas von dem Kampf bei den Felsen, und von den Slaads, und daß er auch nicht mehr wisse. Ich hob zuckte nur mit den Schultern. "Wo sind die anderen ?" fragte ich. "Sind sie wohl auf ?" Der Halbling nickte. "Sie sind noch unterwegs ... als ich sie zuletzt gesehen hab ging es ihnen gut. Kommt, ich bring euch zu den 'Zwei Welten'. Ihr solltet euch ausruhen." Ich nickte und erhob mich - schwach auf den Beinen und schwankend. Meine Sinne fanden sich schnell wieder ... aber die Übelkeit blieb. Ich sammelte meine Habseligkeiten zusammen, die man auf den Boden gelegt hatte, und nahm einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. Danach fühle ich mich leider auch nicht besser.

Auf dem Weg zur Taverne musterte ich den Halbling. Ich fühlte Dankbarkeit. Er musste mich offensichtlich den ganzen Weg von den Steinen zurück nach Velga geschleppt haben - mich und meine Ausrüstung. Ich blieb kurz stehen, meine Kräfte drohten mich wieder zu verlassen. "Geht es ?" fragte der Halbing. Ich nickte nur stumm und zwang mir trotz meiner Übelkeit ein Lächeln ab. Eine seltsame Welt ... ein Dunkelelf, der sein Leben ohne zu fragen für andere einsetzte, ein kleinwüchsiger Dieb, der seinen Namen nicht verriet, aber die Mühe und den Aufwand nicht scheute, einen leblosen Körper quer durch die Wildnis in die nächste Stadt zu schleppen, als wäre es für ihn die selbstverständlichste Sache der Welt ... nun ... er hatte ja selbst einmal zu mir gesagt "Dieb ist nicht gleich Dieb". Mein Blick fiel auf die Patrouille, die uns entgegen kam ... Halb-Orks als Wachen, sie vervollständigten den Eindruck. Eine wahrlich seltsame Welt ... aber in diesem Augenblick empfand ich irgendwie ein Gefühl von Heimat ... zum ersten Mal, seit ich aus meinem Hain aufgebrochen war.