Troglodytenjagd

Troglodytenjagd. Östlich, direkt vor der Stadt. Der Fluß hatte Niedrigwasser ... eine Tastsache, die diese echsenähnlichen Wesen anscheinend mit Einsetzen der Dunkelheit veranlasst hatte, den nahen Sumpf zu verlassen und die Wege außerhalb der Stadt unsicher zu machen. Eigentlich waren Tirsen, der Waldläufer, Glim Gerbo, der gnomische Magier, und Sian gerade auf dem Weg zur Taverne "Zur warmen Ente", als sie einen Stadtschreier hörten, der vor den Troglodyten warnte.

Sie hatten sich kurz beraten und dann beschlossen, sich die Sache einmal anzuschauen, vielleicht konnten sie ja helfen. Vorm Osttor in Richtung Rotfeld wurden sie nochmal eindringlich von den Stadtwachen gewarnt. Aber es war eigentlich nicht wirklich nötig gewesen ihnen zu sagen, daß sie vorsichtig sein mussten ... an diesem Abend konnten sie nicht auf die Kampferfahrung von Xagrim oder die treffsicheren Pfeile von Rhianna zählen, sie hatten auch nicht die so beruhigende, machtvolle Magie von Luthien an ihrer Seite. Sicherlich, auch Tirsen und Sian beherrschten ihr Handwerk und waren alles andere als wehrlos, aber ein aufmerksamer Beobachter konnte dennoch schnell erkennen, daß sie noch einen langen Weg vor sich hatten, bis sie die Routine und Erfahrung derer hatten, die schon länger auf die ein oder andere Art als Abenteurer lebten. Und Glim Gerbo ... natürlich, auch ihn und seine magischen Fähigkeiten sollte man nicht unterschätzen ... aber wie Sian seine Konstitution einschätzte, konnten ein oder zwei glückliche Treffer eines Troglodyten ausreichen, um den kleinen Gnom mit der Vorliebe für seltsame Getränke in die Höhle der Toten zu befördern.

Troglodyten ... bösartige und hinterlistige echsenähnliche Wesen, kräftig und etwas kleiner als Menschen. Nach dem, was er von ihnen wusste, waren sie nachts in ihrem Element, vermutlich war das sogar ihre bevorzugte Zeit, um auf Beutezug zu gehen und sich ein paar arme Opfer zu suchen. Sie verfügten über ausgezeichnete Sinne, sie sahen nachts vermutlich besser als Elfen, vielleicht sogar so gut wie Zwerge, deren Orientierung in den dunklen Stollen der Minen legendär war. Hinzu kam die Fähigkeit der Echsen, mit ihrer schuppigen Haut die Farbe der Umgebung annehmen zu können, ja, fast schon mit ihr zu verschmelzen ... auch hierbei kam ihnen die Dunkelheit entgegen. Keine leichte Aufgabe, ihnen unter diesen schlechten Bedingungen entgegenzutreten ... aber was blieb den Gefährten für eine Wahl ... die Reisenden, die so spät noch die Wege nutzten, um vielleicht in Tergastel noch ein Bett für die Nacht zu bekommen, hatten sicherlich ohne Warnung noch weniger Aussicht darauf, den Morgen erleben.

"Wir müssen sie mit ihren eigenen Waffen schlagen." hatte Tirsen gemeint. Auch Waldläufer waren geschickt darin, sich unauffällig fortzubewegen, natürliche Deckung auszunutzen, fast lautlose Schritte zu machen ... außerdem musste man einen Gegner nicht unbedingt sehen um zu wissen, daß er in der Nähe ist ... Spuren auf einer feuchten Wiese oder abgebrochene Zweige an Sträuchern waren da nur zwei Dinge, die einem halfen, wenn man nur die Augen aufhielt. Also taten sie was sie konnten ... und sie blieben nicht ohne Erfolg.

Fünf oder sechs Echsen begegneten sie beim Durchstreifen der näheren Umgebung, die meist einzeln unterwegs waren ... nur einmal stießen sie auf zwei gleichzeitig, was zu einem harten Kampf führte ... bei dem die Gefährten aber glücklicherweise die Oberhand behielten. Die Feigheit der Troglodyten war erstaunlich ... ein einzelner war unbemerkt auf Schlagweite an den Gnom herangekommen ... der glücklicherweise die Echse im letzten Augenblick wahrnahm und ihrem Schlag gerade noch ausweichen konnte ... zeitgleich traf sie Sians erster Pfeil, woraufhin sie die Flucht ergriff. Erst als sie wenige Augenblicke später erkannte, daß man vor einem Langbogen auf offenem Feld nicht davonlaufen konnte, drehte sie um und stellte sich zum Kampf.

Alles in allem hatten die drei Gefährten Glück gehabt. Sian war erleichtert, als sie wieder sicher und nur geringfügig verletzt an den östlichen Stadttoren Tergastels ankamen. Für die Nacht sollte die gröbste Gefahr gebannt sein, um den nahegelegenen Bauernhof wollten sich die Wachen kümmern ... Zeit, sich ein wenig in die Taverne zurückzuziehen.

Als er später auf einem Hocker an der Theke der "warmen Ente" saß, mit seinem Becher voll Edôwein, musste Sian schmunzeln. Nicht, weil Tim, der Halblings-Wirt, gerade mal mit seinem Kopf knapp über die Theke seiner eigenen Taverne schauen konnte. Nein, er schmunzelte über sich selbst und den Weg, den sein Leben genommen hatte. Angesichts der letzten Tage war ihm die vergangene Echsenjagd fast wie eine Erholung vorgekommen. Die letzten Tage ... sie hätten einen Menschen wohl um Jahre altern lassen ... bei ihm als Elfen waren es gleich Jahrzehnte.

Er erinnerte sich an ruhigere, idyllischere Zeiten, die Zeiten im Hain. Daran, wie er alleine auf Jagd war, oder zusammen mit Niala und Irydon. Mittlerweile kam es ihm vor, als wäre all dies in einem anderen Leben passiert. Er dachte zurück an das Gefühl, sein Leben und den Moment im Griff zu haben, die Umgebung zu kennen, vor Überraschungen sicher zu sein oder zumindest in der Lage zu sein, angemessen auf sie zu reagieren. Die Wälder, die kleinen Lichtungen und Wiesen, sie waren das Gebiet der Elfen gewesen, dort konnten sie sich mühelos tarnen, verbergen oder  verstecken, wann immer es sinnvoll war, bestimmen, wer sie sah und wann er sie sah ... und somit letztlich auch den Moment des Handelns ... Heimatboden, wo ihnen niemand etwas vormachte.

Tim schenkte Wein nach und Sian musterte ihn. Heimat. Für Tim, den Wirt, war vermutlich diese Taverne seine Heimat ... hier fühlte er sich wohl, zuhause, und er war sicherlich stolz auf das, was er sich aufgebaut hatte. Aber so sehr Sian sich auch anstrengte, sich in Tergastel einzuleben, die Stadt blieb ihm im wesentlichen fremd. Und immer wenn ihm so war, als wäre sie ihm ein Stück vertrauter geworden, reichte ein einzelnes herabfallendes, vom Wind getriebenes Blatt im Wald um ihn an sich selbst zu erinnern, daran, wohin er gehörte. Zu viele Erinnerungen an die herbstlichen Wälder, die Farben der Blätter und das raschelnde Laub zu seinen Füßen, als daß er mit Edowein ernsthaft gegen das Gefühl des Entwurzeltsein ankämpfen konnte. Das war ihm klar.

Er schaut die Theke entlang zu Xagrim. Der Drow war spät gekommen, ohne wesentlich mehr als ein "Grüsse" zu sagen, seltsam ruhig und nachdenklich. Er hatte Sian nie erzählt, warum er seinem Stamm abtrünnig geworden war ... aber angesichts seines Verhaltens waren seine Motive nicht schwer zu erahnen. Xagrim war einfach anders als das, was man von seinem Volk hörte. Ob er sich auch nach seiner Heimat sehnte ? Oder waren solche Gefühle für ihn fremd ? Vermutlich hatte Xagrim für sich selbst erkannt, daß der Weg der Drow nicht sein Weg war, und ihre Städte nicht seine Heimat. Er hatte sich aus freien Stücken losgesagt, um seinen eigenen Weg zu gehen. Aber ... wenn die Städte der Drow nicht Xagrims Heimat waren ... was war dann seine Heimat ? Verband er überhaupt irgendwas mit diesem Begriff ? Suchte er vielleicht genau danach ?

Sian musterte das Holz der Theke und schaute dann melancholisch auf den schrumpfenden Inhalt seines Weinbechers. Er war froh zu wissen, wohin er gehörte, und ihm war klar, daß er dorthin wieder zurückkehren würde, wenn die Zeit gekommen war. Man hatte ihn damals nicht groß überzeugen müssen, als drei Leute gesucht wurden, den Hain zu verlassen, um neue Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, die dann dem Dorf zugute kommen sollten. Im Gegenteil, er hatte es für eine sehr gute Idee gehalten, war bereitwillig aufgebrochen, neugierig auf die Welt da draußen, wissbegierig, voller Vorfreude, etwas anderes zu sehen. Aber verdammt, er hätte nicht gedacht, daß es so schwer sein würde, so weit weg von zuhause zu sein, getrennt von allen, deren Nähe vorher so selbstverständlich für ihn war. Früher hatte er sich selbst gefragt, warum sein Volk so gerne unter sich blieb, so verschlossen und skeptisch gegenüber allem nicht-elfischen war. Er hatte sich gefragt, warum es den Erkundungsdrang verloren hatte, den es irgendwann in grauer Vorzeit einmal gehabt hatte. Mittlerweile begann er es irgendwie zu verstehen. Warum sollte man nach etwas anderem suchen, wenn man sein eigenes Zentrum gefunden hatte. Es war seltsam ... je mehr fremdes er sah und kennenlernte, um so deutlicher und bewusster erkannte und fühlte er sich selbst als Elfen.

Überhaupt nahm er inzwischen vieles bewusster war. Das Leben, das er hier führte, war gefährlich, sehr gefährlich, und er spürte den Tod immer in der Nähe, lauernd, bereit, zuzuschnappen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot ... gänzlich anders als damals im Hain. Sicher, auch damals hatte es Gefahren und gefährliche Situationen gegeben, aber er hatte sich dort niemals hilflos oder ohnmächtig, nie alleine gefühlt ... selbst wenn er ohne Begleiter auf Jagd war, war dort immer der Wald gewesen, mit dem er sich verbunden fühlte und von dem er wusste, daß er auf seiner Seite stand. Die beständigste Bedrohung ging damals von Goblins aus. Alleine waren sie schwach und kein wirklicher Gegner, aber man sah diese feigen, kleinen Wesen nie alleine. Sie glichen ihre körperlichen Unzulänglichkeiten durch schiere Masse und ihre angeborene Hinterhältigkeit aus, nutzten jede Gelegenheit, um zu rauben, wobei sie sich nur mit Gegnern anlegten, die ihnen weit unterlegen war.

So hätten sie niemals den Hain selbst angegriffen, das wäre ihnen nicht in den Sinn gekommen, es war ihnen einfach eine Nummer zu groß. Sie konzentrierten sich lieber auf abgelegene Höfe, kleinere Gruppen Reisender oder Einzelne, besonders fahrende Händler waren beliebte Opfer. Man musste stets auf Goblins achtgeben, es war ein fester Bestandteil seiner Aufgaben als Waldläufer gwesen. Unzählige Male hatte Sian leichtsinnige Reisende vor ihnen gewarnt oder aus dem Schatten der Wälder mit seinem Bogen eingegriffen, wenn diese bösartigen Kreaturen sich wieder einmal wehrlose Beute ausgesucht hatten. Aber oft hatte er auch gesehen, was geschah, wenn niemand helfen konnte, wenn man zu spät kam ... was die Goblins mit ihren Opfern machten. Er schaffte es gerade noch, die Bilder und das damit verbundene Schaudern zu verdrängen. Sian sollte seinen den Hass auf diese Kreaturen aufzusparen für einen besseren Anlaß.

Goblins. Sicher, es gab sie auch hier, meistens ritten sie auf Worgs, vielleicht Kundschafter, wer wusste es schon. Aber ihre Bedeutung hatte sich durch die Begegnungen in Tergastels deutlich relativiert. Goblins waren nunmal einfach nicht vergleichbar mit der Medusa, mit der die Gefährten vor wenigen Tagen konfrontiert worden waren ... auch nicht mit den Bodaks oder Schreckgespenstern, die auf dem Friedhof und in den Grüften darunter ihr Unwesen trugen. Ein so intensives Gefühl der Angst wie er es hier erfahren hatte war ihm vorher unbekannt gewesen ... die seltsame Kälte, die ihn von innen raus übermannt hatte, das Zittern, das seinen Körper eingehüllt hatte und gefangennahm, der stumme Schrei nach Flucht, gegen den sein Wille angekämpft hatte.

Sian nahm einen weiteren Schluck Wein aus seinem Becher. Es war seltsam ruhig an der Theke ... irgendwie schien jeder hier seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Tim putze die Gläser, Humpen und Becher, Xagrim fettete seine Rüstung ein und schärfte seine Langschwerter. Niemand sprach. Irgendwie spürte Sian, daß er in den letzten Tagen einen Großteil seiner Unbeschwertheit eingebüsst hatte, das Gefühl des Jägers war verlorengegangen. Es flackerte kurzzeitig auf, wenn die Gefährten ihre Wasservorräte aufgefüllt hatten und loszogen, aber es war mit dem ersten Schritt, den sie etwa in das Höhlenlabyrinth setzen, abrupft verschwunden. Leben und Tod waren hier seltsam nahe beieinander. Gegen das, was er hier erlebte, wirkte seine Zeit in Velga fast verschlafen bis verträumt. Tergastel war anders. Hier wurde ihm alles abgefordert, kein Raum für Leichtsinn oder unbedachtes Handeln. Mit seiner rechten Hand umfasste Sian die helle Holzflöte, die um seinen Hals hing, schloß seine Augen und schickte einen Gedanken in Richtung Heimat. In gewissem Sinne fühlte er sich wie ein Grenzgänger. In gewissem Sinne waren sie alle Grenzgänger.

Und vielleicht war es langsam an der Zeit für ihn, schlafen zu gehen ...