Zwei Welten

Seltsam, wie das Leben manchmal verlief. Er stand hier, in Velga, der Regen hatte ihn mittlerweile trotz der relativ frisch eingefetteten Lederrüstung fast gänzlich durchnässt. Aber es störte ihn nicht. Regen hatte ihn noch nie gestört, im Gegenteil, er half ihm dabei, sich zu entspannen, oder auch dabei, wach zu werden und klare Gedanken zu fassen. Sians Blick striff die Straße entlang, über das nasse Kopfsteinpflaster der Straße, verharrte bei der ein oder anderen Hausfront oder  rotgekleideten Patrouille der Stadtwache.

Soviel Stein, so wenig grün. Er dachte zurück an die Zeit in seinem Hain, an die Lichtung mit den kleinen Häusern, die in ihrer Schlichtheit die ganze Schönheit elfischer Baukunst offenbarten. Er dachte an den Duft der Natur, der ständig präsent war, an die Jagd in den Wäldern, daran, wie die Sonnenstrahlen durch das Blätterdach der Bäume fielen, an das Laub, das sich im Herbst verfärbte und dann herabfiel. Eine Umgebung, die zu einem sprach, in der man lesen konnte wie in einem Buch, sofern man die Sinne nur weit genug öffnete ... durch ihre Geräusche oder manchmal auch Stille, durch die Spuren, die alles hinterließ, durch die Gerüche der Pflanzen und Tiere oder auch nur durch bloße Farbenpracht. Ein Wort kam ihm dabei in den Sinn ... das Wort 'Leben'. 'Leben', das für ihn immer gleichbedeutend mit der Natur und der Schöpfung gewesen war ... deren Teil er war, mit jedem Schritt, mit dem Nachgeben des Grases und Mooses unter seinen Füßen, mit jedem Rascheln, das das Laub am Boden beim Durchschreiten von sich gab.

Er setzte sich auf die hölzerne Bank und betrachtete das Gewässer, das durch die Stadt floß, direkt in Richtung Nordmeer. Hatte es einen Namen ? Er wusste es nicht. Die Zeiten hatten sich geändert. Nun war diese Stadt sein Zuhause ... 'Zuhause' ... war dieser Begriff wirklich zutreffend, passend ? Er betrachtete das Kopfsteinpflaster. Dieser Boden gab nicht nach, kein sanftes Federn unter seinen Füßen. 'Kein Leben' dachte er sich. Sicher, die Steine, aus denen er bestand, waren genauso natürlich wie die im Wald oder wo auch immer ... aber sie hatten nicht mehr die Form, die die Natur ihnen gegeben hatte, und die Natur hatte sie auch nicht gelegt. Menschen waren es gewesen. Schön gleichmäßig und eben, fein säuberlich geordnet, wie die steinernen Mauern, die Velga umgaben. Aber das Gras und das Unkraut, das immer wieder in den Fugen der Steine zu sehen war, zeigte mit einer stillen Kraft, daß sich die Natur nicht übertünchen ließ. Irgendwann würde sie sich diesen Flecken zurückgeholt haben, ganz langsam, Schritt für Schritt.

Die Natur hatte es nicht eilig, sie hatte Zeit. Vermutlich verstanden die Elfen sie deshalb so gut, denn auch sie hatten es nicht eilig, es war ein anderes Zeitverständnis als das, was man hier vorfand. Irgendwann würde das alles hier nur eine kleine Episode gewesen sein - wie er selbst auch. Wie sinnlos und töricht war doch dieser Versuch, mit der Natur zu ringen, als wäre sie ein bösartiges, wildes Biest, das es zu bändigen galt. Wie sinnlos um etwas zu ringen, was die Natur bereitwillig von sich aus mit beiden Händen anbot, auf ihre Art. Diese steinerne Umgebung hier sprach nicht zu ihm ... er konnte nicht in ihr lesen, sie war ihm fremd, und die ganzen Menschen, Elfen, Halblinge und was auch immer, die durch die Strassen gingen, änderten nichts daran, daß die Stadt ihm leblos erschien.

Sein Blick wanderte rauf zum Himmel, der völlig bewölkt und grau war, und aus dem es immer noch schüttete als wolle jemand den ganzen Landstrich reinwaschen. In diesem Augenblick war er dem Regen dankbar. Dankbar, weil er ihn nicht den Geruch der Stadt wahrnehmen ließ ... den Geruch, der sein Heimweh zu den geliebten Auen und Wäldern noch weiter verstärkt hätte. Der Geruch Velgas ... da war der angenehme, salzige Geruch des offenen Meeres, den er zweifelsohne mochte ... aber er wurde in einen großen Schmelztiegel geworfen mit einer Unmenge seltsamer Gerüche, einer penetranter als der andere. Je nachdem, woher der Wind kam, war der Geruch erträglich oder eine schiere Tortur. Schweiß, Bier, der Gestank von faulendem Fisch und Abfällen, die in den Straßen lagen, und nicht zuletzt die Abwässer, deren Großteil in der Kanalisation landete. Manchmal konnte es ein Fluch sein, die scharfen und sensiblen Sinne eines Elfen zu haben.

Die Kanalisation, die dunkle Seite dieser Stadt und vermutlich jeder anderen Stadt auch. Er war dort gewesen. Schlimmeres hatte er nie gerochen, beim Gedanken daran schüttelte es ihn. Man konnte nicht einmal unbewaffnet hinein, nicht ohne Begleitung, so gefährlich war es dort. Bösartige Wesen, gegen die Orks mit ihren furchterregenden Hauern noch als zahme Nachbaren durchgehen konnten, lauerten einem dort im Halbdunkel auf, die meisten von ihnen übertrugen Krankheiten aller Art. Dazwischen zwielichtige Gestalten, die eine Zuflucht abseits des Trubels der Gesellschaft und abseits der Augen der Wache suchten. Er hoffte, daß nicht irgendwann eine Seuche über die Stadt kam ... nachdem, was er von typischen Städten gehört hatte, konnte eine Krankheit, wenn sie denn erstmal irgendwo in der Stadt Fuß gefasst hatte, sich in Windeseile verbreiten, und gerade die schmutzigen Bereich, um die sich niemand so richtig kümmerte - wie auch die Kanalisationen - waren eine Brutstätte von Seuchen. Aber er wollte den Teufel nicht an die Wand malen, vermutlich hatten die Stadtwachen vieles besser im Griff als man - wenn man das Ostviertel durchschritt - befürchten musste.

Nein, es war nicht seine Welt. Aber irgendwie war es eben doch seine Welt. Sian musste sich mit ihr arrangieren, es gab keine andere Möglichkeit, deshalb war er schließlich aus seinem Hain aufgebrochen, deshalb war er hier. Und er schlug sich eigentlich recht wacker - wenn er zum Beispiel an seine erste Begegnung mit Untoten bei der Abtei dachte. Wieder schüttelte es ihn. Untote. Der Geruch toten, längst verwesendem Fleisches, das nur noch teilweise von Haut verdeckt war. Es gab für ihn nichts schlimmeres, nichts schrecklicheres, nichts widernatürlicheres als den Kreislauf der Natur aus Leben und Sterben auf diese Art zu stören. Niemand hatte das Recht dazu. Am liebsten hätte er Reißaus genommen, den Ort so schnell es ging wieder verlassen. Aber wie sollte man etwas gegen die Übel dieser Welt ausrichten, wenn man vor ihnen weglief ?

Außerdem war er nicht alleine, er hatte in den wenigen Tagen in Velga bereits den ein oder anderen Gefährten kennengelernt ... wie hätte er eine Flucht den anderen erklären sollen, die sich auf ihn verliessen wie er auf sie ? Den ein oder anderen sah er mittlerweile sogar als Freund an. Dabei war er, was wirkliche Freundschaft anbelangte, wie die meisten seines Volkes, skeptisch und distanziert, abwartend. Doch die Umstände hier waren anders ... jedesmal, wenn man gemeinsam loszog, wusste man, daß es um das eigene Leben gehen konnte, und man bekam mit, wie die Gefährten in solchen Situationen reagierten, man merkte schnell, auf wen man sich verlassen und wem man vertrauen konnte.

Da war Rhianna, die blonde Menschenfrau mit den etwas kantigen Gesichtszügen, die so gekonnt mit dem Langbogen umging ... sie hatte ihn in der Kanalisation in buchstäblich letzter Sekunde mit einem Heilzauber vor dem sicheren Tod gerettet. Mit niemandem konnte man so gut über den Zweck von Feuerkäferbäuchen spekulieren wie mit ihr. Xagrim, der nachdenkliche Drow, der selten etwas sagte, aber wenn es zum Kampf kam mit seinen zwei Langschwertern und seinem Schreckenswolf wie ein Bollwerk ganz vorne stand, als wäre es für ihn die natürlichste Sache der Welt, seinen Kopf für die Gefährten hinzuhalten und den Gegner zu binden. Dann der Halbling, der seinen Namen nicht nannte ... immer auf ein paar Goldmünzen oder einen interessanten Gegenstand aus, ein Meister des Schlösserknackens und ein geübter Armbrustschütze ... und zugleich jemand, der einen wenn es drauf an kam mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit alleine meilenweit in Sicherheit schleppte. Joel, der Barde mit dem Bart, meistens ein Lächeln auf den Lippen, immer in den fröhlichsten und farbenfrohsten Gewändern unterwegs, ein Optimist und grosser Könner auf der Laute.

Luthien, die hochintelligente, elitäre Magierin, die so perfekt in das Bild der arroganten Angehörigen seines Volkes passte, und so routiniert und präzise die arkanen Energien bezwang, um sie nach ihren Vorstellungen zu lenken. Er dachte zurück an den Abend am Lagerfeuer, damals hatte nicht viel gefehlt und entweder sie oder der Zwerg namens Orkenspalter hätten das erste Sonnenlicht des neuen Tages nicht mehr erreicht, soviel offene Feindseligkeit lag in der Luft ... zwei Welten, die aufeinander trafen. Orkenspalter ... Sian musste schmunzeln ... ja, was Luthien als Elfe verkörperte, verkörperte Orkenspalter für die Zwerge. Störrisch und unbesonnen, ehrlich und geradlinig, immer mit dem Kopf durch die Wand, schneller mit der Streitaxt als mit seinen Gedanken und irgendwie immer mit einem Fuß am Abgrund, mürrisch, ewig nörgelnd, wenn er zulange kein Zwergenbier bekommen hatte. Naifirien, die Elfe, die so selten einmal ihr Gesicht unter der Kaputze ihres Umhangs sehen ließ ... sie hatte ihn an seinen ersten Tag hinaus vor die Stadt begleitet, als er unbedingt etwas grünes, etwas Natur sehen wollte ... und beinahe von einem Werwolf gebissen worden wäre. Lira, die Priesterin mit ihren heilenden Händen, immer aufmerksam und hilfsbereit ... Sian schmunzelte beim Gedanken, wie sie sich wieder einmal für eine Viertelstunde zurückzog, um ihrem Gott ein kurzes Gebet zu widmen. Die Abenteurer Velgas, ein seltsamer Haufen ... er nickte und grinste dabei ... ja, fürwahr, ein seltsamer Haufen, aber liebenswert.

Aus der Ferne kam jemand langsam auf ihn zu. Es war Luthien, die Elfe. "Sian, in der Taverne geht ein Gerücht um von seltsamen Wesen, die die Wege vor der Stadt bedrohen und Reisende angreifen. Wir wollen losziehen und uns das anschauen ... kommt ihr mit ?" Er nickte leicht und erhob sich dann. Raus aus der Stadt ... das bedeutete, wieder richtigen Boden unter den Füßen zu haben. Raus aus der Stadt ... das bedeutete 'Leben'.